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Hamburger
Abendblatt online - 2. Febr. 2009
Esther Ofarim im St.-Pauli-Theater frenetisch gefeiert
Die Diva des kultivierten Chansons
Es war das ultimative Gegenkonzert zu den Show-Spektakeln von
Sex-Pop-Oma Tina Turner und Schlagerschmalz-Opa Udo Jürgens.
Dezenz und Klasse sind die Stärken von Esther Ofarim.
Nicht dass Esther Ofarim ganz auf Effekt verzichten würde. Im
Scheinwerfer leuchtet ihr Haar: Eine flammend rote Aureole ums blasse,
feine Gesicht. Was aber den Zuhörer wirklich in Bann schlägt
und mit einer soghaften Wirkung unwiderstehlich fesselt, das ist die
fulminante Farbskala ihrer Stimme und die Konzentration des bis ins
Kleinste durchdachten Vortrags. Der Sängerin ist es möglich,
ein irisches Volkslied im authentischen Klangmelos ebenso
natürlich klingend zu interpretieren wie ein Traditional aus ihrer
Heimat Israel. Sie hat in Yoni Rechter und seiner Band einfühlsame
musikalische, auch solistisch glänzende Begleiter. Im Programm
„I'll see you in my dreams" sind einige neue Titel, aber auch viel
Bekanntes: Songs von den Beatles („Yesterday") oder Leonard Cohen
(„Halleluja"), natürlich auch Lieder von Kurt Weill und Noel
Coward. „Surabaya-Johnny" und der „Alabama Song" werden zu intensiven
Mini-Dramen und Cowards „Mad About The Boy" zu einem elegant servierten
Kabinettstück selbstironischen Humors. Esther Ofarim lässt
sich nicht lumpen, gibt wie Tina Turner auch noch ein weiteres Konzert
– und zwar bereits heute Abend um 20 Uhr im St.-Pauli-Theater.
Von Klaus
Witzeling
Hamburger Morgenpost - 3. Febr. 2009
Für Esther Ofarim donnerte
der Applaus
"My Fisherman, My Laddie-O" singt die Frau mit den feuerroten Haaren.
Der zögerliche Hinweis, dass sie diesen Folk-Song nun schon mehr
als 40 Jahre im Repertoire hat, klingt fast wie ein Geständnis.
Doch Esther Ofarims treue Fangemeinde im ausverkauften St.
Pauli-Theater weiß das natürlich.
Sie weiß, dass die 67-jährige Sängerin seit ihrem
Comeback vor zehn Jahren keine Erscheinungen von Altersmüdigkeit
zeigt. Und die wenigen jüngeren Besucher wundern sich vielleicht,
wie die zierliche Grande Dame des multikulturellen Chansons es schafft,
Hirtenlied, Protestballade, Revue-Schlager und Popsong unter einen Hut
zu bringen.
Nicht zuletzt ist es dem kongenialen Pianisten Yoni Recher zu
verdanken, dass die Originale von den Beatles, Leonard Cohen und Kurt
Weill hier nicht bloß kopiert, sondern mit Gitarre, Geige und
Kontrabass in überraschend anspruchsvolle Kunstliedarrangements
eingebettet werden. Ofarims Stimme erhebt sich dabei nicht nur mit der
Klarheit eines Gebirgssees über die feine Instrumentation, sie
erreicht in ihrer emotionalen Spannung auch dessen Tiefe.
Diese Frau zwingt uns, Hörgewohnheiten aufzugeben. Auch wenn sie
in den meisten Stücken eine eher ruhigere Gangart einschlägt,
ihre Interpretationen von Weills "Lied vom Surabaya Johnny", dem
Beatles-Song "She's Leaving Home" oder Cohens "The Partisan" sind
gesangliche Präzisionsarbeit von aufrüttelnder
Einfühlsamkeit. Das gilt auch für ihre hebräischen
Volkslieder. Am liebsten hätte man der Sängerin die ganze
Nacht zugehört, so sehr donnerte auch nach drei Zugaben noch der
Applaus.
von Sören
Ingwersen
Fürther Nachrichten - 30. Oktober 2007
Die Frau in Schwarz
Esther Ofarims selig machendes Konzert
Stuttgarter
Nachrichten -
30.Oktober 2007
Esther Ofarim war zu Gast im Theaterhaus
Respekt vor der Sprache
Bei Google wäre sie unter der Kategorie Schlagersängerin zu
finden. Aber bei einem von bundesweit neun Comeback-Konzerten im nahezu
ausverkauften Theaterhaus entpuppt sich Esther Ofarim, 1984 in Peter
Zadeks "Ghetto"-Inszenierung noch Schauspielerin, als Liedinterpretin
von Format.
Das liegt nicht nur am Repertoire, einem geschmackssicheren Mix aus
Chanson, Folk, Jazz und Pop, darunter neben auffallend vielen
Stücken von Kurt Weill ("Alabama Song", "September Song", "Speak
Low") auch Hits von Esther & Abi Ofarim, dem international
erfolgreichen Duo mit US-Charts- und Grand-Prix-d"Eurovision-Meriten
("Morning Of My Life"). Das damals von Abi Ofarim mit der Folkgitarre
eher spartanisch gezupfte "Dirty Old Town" erklingt hier als
Piano-Ballade mit Ofarims langjährigem Arrangeur Yoni Rechter am
Klavier, bis Geiger Michail Paweletz und Kontrabassist Albert Sommer
hinzustoßen, etwa für eine prächtige Version von Randy
Newmans "In Germany Before the War".
Und siehe da: Der Horror des Stückes über Kindstötung
bleibt auch in der Fassung Ofarims erhalten, obwohl die schön
modulierende Stimme der fragil-graziösen Chanson-Diva mit
feuerrotem Haar im Gegensatz zum spartanischen Sprechgesang Newmans
steht. Dies verdankt sich zunächst einem spürbaren Respekt
gegenüber der Sprache des Songs, die in dem reduzierten
Arrangement das Hauptgewicht behält. Hinzu kommt Ofarims
ausdrucksstarke Stimme, die auch diese in ihren Wechseln von Dur auf
Moll so bedrohlich wirkende Melodie trägt, ohne sie aufzudonnern
oder zu verkitschen.
Eine interpretatorische Reife, die auch "She"s Leaving Home" der
Beatles oder Leonard Cohens "Bird On The Wire" eine individuelle
Färbung verleiht, ebenso wie jiddischen Folksongs oder Rechters
Kompositionen mit moderner Chanson-Note. Und dass die Ofarim mal eine
gefeierte Schauspielerin war (darunter 1960 in Otto Premingers
"Exodus"), stört hier nicht, im Gegensatz zu manch anderem
Chanson-Kollegen. Ihre Ausdrucksstärke verdankt sich allein
sparsamen Gesten, die sie auf einen knappen Wirkungsradius vor dem
Mikrofon beschränkt, sowie einer stark emotional gefärbten
und doch stets beherrschten Ausnahmestimme.
Michael Riediger
Aachner Zeitung - 24. Oktober 2007
Ewig glühende Leidenschaft
Ist das inzwischen leuchtend rote Haar ein Zeichen für die Glut,
die noch immer in ihr brennt? «Vielleicht», denkt man vor
dem Konzert. «Bestimmt», sagt man danach. Esther Ofarim in
Aachen.
Die 66-jährige israelische Sängerin und Schauspielerin, die
in bedeutenden Produktionen - unter anderem von Peter Zadek -
mitwirkte, aber letztlich den meisten Konzertbesuchern (alle nicht mehr
so ganz jung) noch aus den 60er Jahren bekannt ist, gastierte im Rahmen
der Reihe «Voices» in der Mulde des Aachener Ludwig Forums.
«Esther & Abi Ofarim», das waren Hits wie
«Cinderalla Rockefella» oder «Morning Of My
Life», ein von den Bee Gees geschriebener Song, der in
Deutschland zum größten Erfolg des Duos wurde. In den 70er
Jahren trennte sich das Paar. Es wurde ruhig um Esther Ofarim, die sich
ins Privatleben zurückzog.
Mit der Rückkehr aus New York 1987 bahnte sich allmählich
eine neuer künstlerischer Weg an. Zurzeit lebt Esther Ofarim in
Hamburg und tourt mit einem anspruchsvollen Programm aus Folk, Klassik,
Musical-Titeln, traditionellen israelischen Liedern und Jazzballaden.
Yoni Rechter, musikalischer Leiter am Klavier, ist ihr ein guter
Berater.
Gute Arrangements
Zusammen mit Michail Paweletz (Violine) und Micha Kaplan (Bass) ist
Rechter mehr als ein Begleiter. Als Arrangeur hat er Ofarim die Titel
des vielschichtigen Programms buchstäblich auf den Leib
geschrieben. In einer kleinen Pause stellt er sich mit seinen Kollegen
auch solistisch als empfindsamer Sänger und Jazzer vor.
Esther Ofarim auf der Bühne - die für sie so typische leichte
Neigung des Kopfes, die dramatische und doch feine Gestik der
Hände, das kleine Lächeln sind noch da. Sie trägt ein
samtig-dunkles Oberteil, einen edlen langer Rock, nur hier und da gibt
es ein winziges Glitzern: Eine elegante selbstbewusste Frau, die sich
in bescheidenster Form ihrer Wirkung bewusst ist.
Ihre unverwechselbare Stimme, die energiegeladen und mit langem Atem in
höchste Höhen schwingt, die weich und zärtlich, manchmal
zerbrechlich, aber immer noch messerscharf und metallisch den Raum
durchschneiden kann, bannt das Publikum von Beginn an.
Spannend ist der akrobatische Stilwechsel in der Titelfolge. Wie
flehende Gebete klingen hebräische Lieder auf, sehnsüchtige
Erinnerungen leuchten dunkel, kindlich leicht und hell ist der
Hirtengesang, dann wieder kummervoll der Klang aus den tiefsten Tiefen
eines leidgeprüften Volkes.
Mit intelligentem Biss interpretiert sie einige Kurt Weill Songs, dann
plötzlich ein Beatles-Titel: «She´s Leaving
Home», die bewegende Geschichte einer Flucht aus muffiger
Bürgerlichkeit. Da kann sie sehr ironisch werden, funkelt der
Blick. Sorgfältig ausgewählt sind die Jazzballaden. Hier lebt
sie ihr reifes Frausein mit großer Ehrlichkeit aus.
Liebesschwüre, hingebungsvolle Traurigkeit, bittersüße
Gedanken - und dann mit Stolz und Kraft Dinah Washingtons
hinreißend, provokativer Song «Mad About The Boy» -
das Bekenntnis zu Leben und Leidenschaft.
Und immer beeindruckt die glasklare Sprech- und Gesangstechnik dieser
Künstlerin. Man versteht jedes Wort und erkennt, wie intensiv sie
ihre Titel interpretiert. Das Publikum lauscht und jubelt. Nach 75
Minuten die erste Zugabe: «Morning Of My Life», zart und
wehmütig, hat er nichts von seiner Brillanz eingebüßt.
Niemand will sie gehen lassen, doch nach dem wunderschönen
demütig vorgetragenen Brahms-Wiegenlied «Guten Abend,
gut´ Nacht» in deutscher, hebräischer und englischer
Sprache hat jeder verstanden, dass man so ein Abschiedsgeschenk still
auf sich wirken lassen sollte.
Redakteurin
Sabine Rother
Frankafurter Allgemeine Zeitung - 22. März 2003
Sie ist zu bejubeln
Nun ganz bei sich: Esther Ofarim in der Alten Oper Frankfurt von Dieter
Bartetzko Sie ist wieder da. Besser sagt man, sie ist da. Denn die
Sängerin Esther
Ofarim ist nun
ganz bei sich angelangt: Außer der phänomenalen Stimme hatte
die Person, die auf der Bühne der Frankfurter Alten Oper stand,
nichts
gemein mit jenem aparten Kunst-
geschöpf der sechziger Jahre, dessen Cds heute in den Fächern
"Nostalgie"
stehen und dessen Songs in Nachtprogrammem als Evergreens auftauchen.
Eines davon, das weiß Gott diesen Status verdient hätte, ist
längst
vergessen:"T'en vas pas", ein Chanson, dessen Titel nicht nur auf das
geniale
"Ne me quitte pas" anspielt, sondern tatsächlich Jacques Brels
Dramatik
besitzt. Die Ofarim sang es 1963 beim Grand Prix, verpaßte wegen
einer
Punktkorrektur den Sieg - und wurde sofort berühmt. "Song der
Welt"
hieß dann ihr erstes Album, aufgenommen 1964 mit ihrem Partner
Abi
Ofarim. Balladen und Blues, Seeger, Dylan, Donovan. Das Duo erhielt
dafür
Preise in ganz Europa, vor allem aber in Deutschland. In Frankfurt sang
sie
daraus noch einmal "Dirty Old Town", das Lied früher englischer
Industriestädte,
wo Ruß die Frühlingsblüten verkrüppelt, Katzen an
rostigen
Piers kreischen und der Mond über alten Schloten steht.
Wiedererkennung
ging durch die Reihen. Als "Waly Waly" folgte, die einst ebenso
berühmte
schottische Ballade vom betrogenen Mädchen, hofften viele auf die
Popfolktitel
jener Zeit, auf "Morning Of My Life" oder "Cinderellea Rockefella", die
die
europäischen und sogar die amerikanischen Hitparaden erobert
haben.
Wallegewänder zwischen Flower-Power und Neoromantik waren damals
ihr
Markenzeichen, Cleopatra-Perücke und riesige Nofretete-Augen. Alle
Welt
war begeistert, die Deutschen aber waren hypnotisiert. Ihnen erschienen
Esther
und Abi Ofarim nicht nur als Vertreter eines musikalischen
Internationalismus,
der, angesiedelt zwischen Studentenbewegung und Weltschmerz, die
verunsicherte
Republik tröstete, sondern vor allem als Boten Israels und einer
neuen
Generation, die vielleicht Wege der Aussöhnung finden würde.
Frankfurt erlebte keine Neuauflage dieser unterbewußten Lieben
und
Projektionen: Weder war die Göttin des gepflegten Hippietums von
damals
zurückgekommen noch die "schöne Jüdin", deren Namen und
Erscheinung
alttestamentarische Legenden weckten, und auch nicht jene
Schauspielsängerin
aus Peter Zadeks "Ghetto" von 1984, über die Georg Hensel in
dieser Zeitung
ergriffen schrieb: "Sie wäre zu bejubeln, doch ihr Stil erlaubt
das
Jubeln nicht, sie singt die furchtbare Situation mit, in der sie
steckt."
Nun sang eine scheue, extrem beherrschte Frau Folklore und den
Intelleltuellenjazz Weills. Ruhig und leise sagte sie ihre Lieder an,
wurde begleitet von einem
Pianisten, einem Saxophonisten und einem Geiger; Kammermusik.
Doch der Gesang weitete alles zum großen Drama. Atemberaubend
wandlungsfähig
ist die Stimme noch, kann endlos lange gläsern leise Töne
halten,
federt mühelos ins Espressivo, meistert Oktavensprünge:
Europäisierter
Orient klang, wenn sie Hebräisches sang. "God Bless The Child"
wechselte
aus dem Filigran eines Kunstliedes in den guturalen Schrei der Bronx.
Im
"She's Leavin' Home" der Beatles legte sie nie gehörte Häme
frei.
Nach dem scheidenden"Alabama Song" durchbrachen Bravos die vorherige
bewundernde
Zurückhaltung des Publikums. Beim sephardischenTraumlied, das
Großmutter und Enkelin am Nachthimmel schweben und die Sterne
zählen läßt,
versank die Welt.
Finale: "Mad About The Boy", der Tango, in dem sich Noel Coward das
Leid
und die Mokanz des alternden Schwulen von der Seele schrieb. Sie bot
ein
Feuerwerk von Kieksern, Seufzern und hysterischen Schreien, eine
brillante
Komödiantin plötzlich. Dann Brahms' "Guten Abend, gute
Nacht",
rührend schlicht. Wem die Grenze zum Kitsch doch touchiert schien,
den
korrigierte ein kleines Lachen nach dem Schlußton. Es war eine
der
wenigen spontanen Gefühlsregungen, die Esther Ofarim
außerhalb
ihrer Lieder zeigte. Man hätte ihr die Sterne dafür schenken
mögen.
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Frankfurter Rundschau 22.03.2003
Diesseits der Schmerzgrenze
Wie früher, doch ganz anders: Das triumphale Comeback der
Sängerin Esther Ofarim in der Alten Oper
Von Daniel Bartetzko
Man hat sie nicht vergessen. Ihre letzte Tournee liegt gut 20 Jahre
zurück, seit den späten Achtziger Jahren hatte sie sich fast
vollends aus der Öffentlichkeit
verabschiedet. Trotzdem strömten die Menschen zahlreich in die
Alte Oper um ein Wiedersehen mit Esther Ofarim zu feiern.
In den sechzigern gelangte sie im Duo mit ihrem Mann Abi zu Ruhm. Mit
ihrer Mischung als Folk und Schlager landeten sie Hit auf Hit. Bei
Songs wie
Cinderella Rockefella und vor allem der Bee Gees-Schmonzette Morning of
my
Life lag die Welt dem jungen Pärchen aus Israel zu
Füßen. 1969 haben sie sich getrennt. Abi widmete sich fortan
vor allem den Drogen, Esthers Solokarriere verlief auch ohne ganz
große Hits weiterhin erfolgreich, etablierte sie jedoch immer
mehr in der Rolle der Schlagersängerin.
Doch irgendwann hatte sie genug von Liedern, die sie nicht singen
wollte: In Peter Zadeks Musical Ghetto übernahm sie die Hauptrolle
und verabschiedete sich damit aus der Welt des Glamours. Nach Ghetto
zog sie sich vollends
von Deutschen Bühnen zurück. Um nun, 15 Jahre später,
ein
Comeback zu geben - und was für eines!
Kein einziger der Hits aus der "Esther & Abi"-Zeit ist heute noch
im Repertoire, nur das Traditional Dirty old Town erinnert an diese
Vergangenheit. Stattdessen singt sie viele israelische Lieder, einige
Brecht/Weill-Stücke, Leonard Cohen, Beatles. So ist einerseits
alles anders und dennoch genau
wie früher. Denn an Esther Ofarim selbst scheint die Zeit spurlos
vorübergegangen zu sein.
Mit dem ersten Ton ist sie wieder präsent: diese zarte Stimme, die
doch solch eine unglaubliche Spannweite hat. Die zwischen
operettenhaften Höhen gerade noch diesseits der Schmerzgrenze und
subtilen Zwischentönen jede musikalische Facette verinnerlicht
hat. Und die über die Jahrzehnte fast unverändert geblieben
ist. Ihr Klang lässt wohl niemanden
unberührt.
Gerade Dirty old Town wird so zur harten Prüfung, als nach
großartigem Konzertbeginn kurz zu befürchten stand, es
könnte nun in kammermusikalisches Geträllere abgleiten. Doch
das wurde ausgerechnet mit She's leaving home von den Beatles umgehend
zerstreut.
Wer ein Lied, das eine wirklich gewaltige Kitschfalle darstellt, in
genau diesem Moment dermaßen ironisch und sarkastisch
interpretiert, dem
letzten "Bye Bye" noch ein keckes Winken hinterherschickt, der
weiß
genau, was er wie, wo und warum in ebendieser Form singt. Daher auch
die
Songauswahl, daher die sparsame Begleitung durch Piano, Violine und
Klarinette.
Neben Esther Ofarims Stimme ist mehr nicht nötig, um
sämtlichen
Stücken des nur eine Stunde dauernden Programms eine faszinierende
Stimmung
zu geben. Selbst Guten Abend, gut' Nacht geht so unter die Haut. Und
das
ist jetzt frei von jeglicher Ironie so gemeint.
So wurde dieser kurze, unspektakulär arrangierte Abend zum
triumphalen Comeback. Der minutenlange Jubel des Publikums veranlasste
die Sängerin, als letzte Zugabe ein zweites Mal das stärkste
Lied des Abends, Noel Cowards Mad about the Boy zu bringen.
Irgendjemand forderte zuvor zaghaft Morning of my Life, doch nicht
einmal als selbstironisches Zitat fand es
Platz. Scheinbar hat sich die Verbitterung über diese Zeit ihres
Lebens
noch nicht ausreichend gelegt. Es müssen wohl noch einmal
fünfzehn
Jahre vergehen. Wir werden geduldig warten. Und wenn Esther Ofarim es
dann
noch immer nicht singen mag, gewiss trotzdem nicht enttäuscht
werden.
Denn darum geht es nicht mehr.
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Frankfurter Neue Presse 24.3.03
Die zarte Stimme entflieht dem zierlichen Körper
von Walter Fischer
In der Alten Oper Frankfurt war Esther Ofarims grandiose Rückkehr
auf die Bühne zu erleben. Dreizehn Jahre lang war es still um
Esther
Ofarim, auf deutschen Bühnen war sie nicht zu sehen, als
"Schlagersängerin" war sie nicht glücklich. Jetzt hat sie
sich zurückgemeldet, unspektakulär und bravourös. Da
steht eine kleine, zierliche Frau, die bescheiden, fast schüchtern
wirkt und ihr Publikum dennoch begeistert.
Womit eigentlich? Keine großen Gesten, keine Posen, keine Show
und keine Choreografie gibt es zu sehen. Denn Esther Ofarim ist zum
Singen gekommen, nur zum Singen. Äußerst sparsam setzt sie
Arme und Hände
ein, auch die Mimik ist auf das Wesentlichste reduziert. Das ist
wohltuend
in einer Zeit, da Fernsehsender Deutschlands vermeintlichen "Superstar"
suchen. Glasklar und glockenrein ist Esther Ofarims Stimme, ob sie nun
einen Titel mit zartem Vibrato dahinhaucht oder voluminös und
kraftvoll in den
Saal schmettert. Traditionelle israelische Lieder nehmen den
Großteil
des Programms ein, aber auch einige Klassiker der populären Musik
finden sich im Repertoire: "She's leaving home" von den "Beatles" oder
einer der schönsten Songs von Leonard Cohen, "Bird on the wire".
Auch den "Alabama-Song" von Kurt Weill und Bertolt Brecht hat sie im
Programm und singt ihn wunderbar, wenngleich man Jim Morrison von den
"Doors" die größere Authentizität zubilligt, was die
verzweifelte Suche nach der nächsten Whisky-Bar betrifft.
Ähnliches gilt für das
irische Trinklied "Dirty old town" – es passt doch besser zu
bärtigen Barden. Mit neunzig Minuten inklusive Zugaben war Ofarims
Auftritt etwas knapp bemessen. Doch innerhalb dieser eineinhalb Stunden
war jeder Augenblick ein Genuss.