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Presse über das  aktuelle Programm "Aus meinem Leben"

Kölner Rundschau - 16.10.2009


Schygullas Zeitreise in Köln
Musikalische Memoiren
von Barbro Schuchadt

Hanna Schygulla gastierte mit „Aus meinem Leben" in der leider nur halb gefüllten Philharmonie. In fast allen Filmen von Rainer Werner Fassbinder spielte Schygulla mit, auch international machte sie Karriere.
KÖLN. Man nannte sie „die Somnambule", als sie 1969 erstmals in Rainer Werner Fassbinders „Liebe ist kälter als der Tod" auf der Leinwand erschien. In fast all seinen Filmen wirkte Hanna Schygulla mit, zuletzt 1980 in „Berlin Alexanderplatz". Nach Fassbinders Tod 1982, als sie schon in Paris lebte, machte sie auch international Karriere, drehte mit Godard, Wajda, Saura und Marco Ferreri, bekam für dessen „Geschichte der Piera" 1983 die Goldene Palme von Cannes.

Der Knick kam, als sie sich entschloss, 13 Jahre lang ihre Eltern zu pflegen. In dieser Zeit fand sie zu ihrer großen Passion und entwickelte sich in mehr als einem Dutzend Projekten zur charismatischen Stimmschauspielerin. Im September präsentierte sie ihre musikalische Autobiografie „Aus meinem Leben", mit der sie jetzt in der leider nur halb gefüllten Philharmonie gastierte. Diese wunderbare Zeitreise durch 66 intensiv gelebte Jahre beleuchtet Entwicklungsstadien im Strudel von Nachkriegsdeutschland, Kulturrevolution der 68er und schließlich der Besinnung aufs Wesentliche.

Auf der sparsam ausgeleuchteten Bühne steht eine Frau, die völlig in sich zu ruhen scheint, die viel von sich preisgibt, ohne sich zu exhibitionieren. Das graue Haar aufgetürmt (später fällt es locker), die fülliger gewordene Figur von wallenden Tüchern umhüllt, plaudert sie mit schwebender Leichtigkeit von den Kränkungen des schlesischen Flüchtlingskindes mit dem komischen Namen in der bayerischen Grundschule.

Von der kulturellen „Erweckung" als 19-jähriges Au-Pair-Mädchen („Haussklavin") in Paris. Von der Schauspielschule, die sie mit Rainer Werner Fassbinder in München besuchte, wo sie von Anfang an in seinem Action- und Antitheater mitwirkte. Die unangestrengt fortgesponnene Geschichte entwickelt sich im stetigen Dialog mit ihrem sensibel reagierenden Pianisten Stephan Kanyar, ein Glücksfall der Kongenialität.

Über ergreifend schlicht gesungene Kinder- und Volkslieder führt der Weg zu den Großen: Schygulla im Gospel-Groove von Mahalia Jackson, sinnlich in Elvis' „Heartbreak Hotel", herausfordernd in Piafs „Milord". Extrem wandlungsfähig wechselt sie mühelos Genres und Register, entfaltet in Brecht / Weills „Surabaya Johnny" einen ganzen Kosmos von Emotionen, wiegt sich herrlich ordinär bei Kris Kristoffersons „Me and Bobby McGee" , erinnert an Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix - „meine Sterne verglühten so schnell".

Die Welt der lateinamerikanischen Musik eröffnete sich der Schygulla durch die Begegnung mit Jorge Luis Borges und Gabriel García Márquez, der ihr eine Rolle schrieb. Mit dem Tango „Adiós muchachos" und „Manha do Carnaval" aus ihrem Sehnsuchtsland Brasilien beschloss sie diesen großen Abend, bevor sie mit der Ballade „Willow weep for me" noch einmal die Bandbreite ihres formidablen Jazz-Feelings auskostete.




Berliner Morgenpost - 3. September 2009

Hanna Schygullas ungebrochener Zauber und der Kitt der Zeit
von Christoph Stölzl

BERLIN - Eine "Kohorte" nennt die Soziologie Menschen, die als Angehörige benachbarter Jahrgänge ähnliche "Sozialisationen" erlebt haben. Früher hat man dazu "Schicksal" gesagt. Die Angehörigen einer Kohorte sind zum gleichen Zeitpunkt in den Fluss der Zeit gesprungen und sind mitgeschwommen, auf Sichtweite. "Weißt du noch?" ist ihre Erkennungsparole.

Die Kohorte 1943/45 versammelte sich gestern in der "Bar jeder Vernunft". Sie kommt, um einem Idol zu lauschen. Die Diva Hanna Schygulla ist aus Paris angereist, um singend und erzählend ihr Leben auszubreiten. Bevor es losgeht, sitzen wir bei brütender Hitze draußen. Wann ist die Künstlerin eigentlich geboren? Hier herrscht Uneinigkeit. Nicht jedoch darüber, dass die Zeit, folgt man den Zeitungsfotos, ihre Gestalt seit den Fassbinder-Tagen in den 1960ern doch sehr gerundet habe. Eine Dame, die dies Schicksal teilt, sagt zu ihrem Mann: "Das ist auch schon lange her, dass du Rehlein zu mir gesagt hast."

Aber drinnen, im dunklen Zelt, verfliegt alle Ironie, nachdem die Schygulla die ersten Worte gesprochen hat. Da ist sie wieder, diese warme süddeutsche Stimme, dieses halb Liebliche, halb Brüchige, dieses Somnambule, das eine Generation in den Fassbinder-Filmen behext hat. Der Zauber ist ungebrochen. Sie flüstert, sie raunt, sie schluchzt, sie singt zärtlich und grell, sie lässt den Atem strömen und die Stimme schleifen, dass es mitten ins Herz geht. Eigentlich wäre es schon abendfüllend, wie sie von der Münchner Kindheit des schlesischen Flüchtlingsmädchens erzählt, das die Schulkameraden "Polen-Matz" rufen. Von Kinderglauben und Religionszweifel, von den Spielen in Trümmern und dem Vater, der aus der Gefangenschaft heimkommt. Sie singt deutsche Volkslieder dazu, so, wie man sie noch nie gehört hat, innig und erschreckend zugleich. Aus Volksliedern werden dann Rocksongs und Kurt Weill und am Ende Tango Argentino.

Es wird ein langer Abend, bis die Diva, heiß und erschöpft wie ihr hingerissenes Publikum über den Raketenflug des Fassbinder-Ruhms und den Mäandern ihres internationalen Lebens danach endlich bei ihrer Zugabe "Lili Marleen" angekommen ist.

Da, wo sie deutsch gesungen hat, war es berührend und nah. Da, wo es in anderen Sprachen geschah, war es Zeugnis des Kohorten-Erlebnisses, dass man die Anverwandlung des Fremden mit Inbrunst suchte - und gerade dadurch so durch und durch deutsch blieb.

Hingehen! Zuhören! Viermal singt sie noch.



dpa - 2. September 2009

Hanna Schygulla bei Premiere gefeiert
Als die Leute zu ihr sagten „Frau Schygulla, es ist ja so still um sie geworden" – da hat sie sich nicht aufgeregt. Ihre Antwort: „Tja, kann halt auch mal wieder anders werden!"

Die Schauspielerin Hanna Schygulla weiß, dass sie ihre größte Zeit vor 30 Jahren mit Rainer Werner Fassbinder hatte. Mit „Effi Briest", „Die Ehe der Maria Braun" und „Lili Marleen" schrieb sie Filmgeschichte.

Hanna Schygulla ist einer der wenigen deutschen Stars mit internationaler Karriere, sie hat mit vielen großen Regisseuren gearbeitet. Bei ihr passt der Artikel vor dem Nachnamen: „die Schygulla" also. Seit Dienstagabend gastiert die Schauspielerin mit ihrer musikalischen Biografie „Aus meinem Leben" in Berlin. Bei der Premiere in der „Bar jeder Vernunft" trampelte das Publikum vor Begeisterung mit den Füßen.

Fassbinders wichtigste Schauspielerin ist heute 65 Jahre alt. Und, wie beruhigend: Beim Botox- und Jugendwahn der Filmbranche macht sie nicht mit. Die Haare sind grau, die Kleider wallen. Selbstironisch erzählte sie einmal einem Reporter, dass sie auch die dicke Omi spielen könnte, die sie bei dem Interview auf einem Kinderbuch erblickte. Hanna Schygulla strahlt eine besondere Schönheit und Gelassenheit aus. Das ist neben der Musik der Charme des Abends.

Luftig begleitet von Pianist Stephan Kanyar, reicht ihre Spanne von Volksliedern über Brecht, Edith Piaf, John Lennon, Bob Dylan bis zu einem Lateinamerika-Block. Viele Klassiker sind dabei, die meisten gekonnt und originell interpretiert, nur das abgedudelte „Satisfaction" hätte sie sich sparen können.

Aus ihrem Leben erzählt Schygulla gerade so viel, dass es interessant und nicht zu egozentrisch ist: die Flucht aus Schlesien, die Kindheit in Bayern und die frühe Lust am Anderssein – die Artistenkinder in der Schule faszinieren sie. Dann die Zeit als Au-pair in Paris („halb Haustochter, halb Haussklave") und das Hadern mit dem Vaterland, das typisch war für ihre Generation. „Wir waren geradezu allergisch auf das Deutsche."

Bis Hanna Schygulla beim Theater, bei Fassbinder angekommen ist, dauert es mehr als eine Stunde. Er hat einen wichtigen, aber keinen dominanten Platz im Programm. Nur 13 Jahre hatte der Regisseur (bis zu seinem Tod 1982), um sein „Haus aus Filmen" zu bauen, wie sie sagt. Ein „Bündel an Widersprüchen" sei er gewesen, „so schüchtern und so frech zugleich". Wenn die Schauspielerin Fotos von sich aus dieser Zeit sieht, fallen ihr die „traurigen Augen" auf.

Lange kümmerte sich Schygulla um die Pflege ihrer Eltern, da war sie weniger präsent. Seit 13 Jahren singt sie. Die „schönsten Dreharbeiten" erlebte die Schauspielerin auf Kuba bei der Verfilmung eines Stoffs von Gabriel García Márquez, erzählt sie. Warum Paris seit 1981 ihre Wahlheimat ist, wie es zur Zusammenarbeit mit dem jungen Regisseur Fatih Akin („Auf der anderen Seite") kam, das erfährt man bei dem Kabarettabend nicht. Im September steht sie für den Film „Faust" des russischen Regisseurs Alexander Sokurow nach Motiven von Goethe vor der Kamera.

Am Ende ihrer musikalischen Zeitreise gibt es Jazz, dann eine Zugabe. „Ich schenke Ihnen zum Abschied einen alten Hut", sagt Hanna Schygulla. Sie singt „Lili Marleen". Eine Zuschauerin reicht ihr weiße Rosen.



Märkische Allgemeine - 5. Mai 2009

Somnambule aus dem Niemandsland
Soloabend „Aus meinem Leben" der Schauspielerin Hanna Schygulla im Hans-Otto-Theater
von Hanne Landbeck

POTSDAM  - Als Hanna Schygulla am Sonntagabend nach der Pause die Haare offen im roten Rock und der schwarzen Bluse in das behutsam vernebelte Scheinwerferlicht trat, da wirkte sie wie ein Vamp und hatte längst das Publikum erobert. In „Born to be wild" kulminierte ihre selbstbewusste und sehr sinnliche Sangeskunst. Das Publikum dankte mit spontanem Beifall und die Sängerin erkannte, dass sie passend zum Hans-Otto-Theater gekleidet war.

Ihre musikalische Biographie führte durch Stationen „Aus meinem Leben", das in den 1940er Jahren begann, als man noch Heil Hitler skandierte und ihre Mutter vor der Geburt kurzfristig den geplanten Vornamen von Dagmar in Hanna änderte. Weil sie mal eine gekannt hatte, die so hieß, ist die einzige Information, die Hanna Schygulla über ihre Namensvetterin von der Mutter erhielt – und nach dem Tod der Eltern, die sie pflegte, ist die Diseuse traurig darüber, dass sie nicht weiter fragte.

Der Holocaust und sein Schatten bildeten die Folie ihrer Kindheit, Lieder wie „Am Brunnen vor dem Tore", „Wochenend und Sonnenschein" oder „Tief im Wald" den Klangteppich. Allerdings ging der Abend wie die Stimme der Starschauspielerin von Rainer Werner Fassbinder in die Tiefe, bewegend beim „Kindertotenlied" von Mahler; ergreifend im Umgang mit eigenen und gesellschaftlichen Erfahrungen, die die „Somnambule aus dem Niemandsland" auch im Widerstreit mit Deutschland machte.

Schon lange lebt sie in Paris. Als sie in die Pubertät kam, passierte „etwas mit meinem Körper", und „jetzt waren die Jungs hinter mir her". Diese Jungs waren nicht die braven, sondern jene, die wie sie revoltierten, eine andere Welt schaffen wollten. Janis Joplins „Me and Bobby Mc Gee" mit der Freiheitsbeschwörung war für die junge Frau eine Offenbarung, kurz darauf begegnete sie jenem Mann, der sich ebenfalls schnell verbrannte: Rainer Werner Fassbinder. Die Jahre mit ihm streifte die Diva nur kurz, aber „Alles aus Leder" von Fassbinder war eine starke Hommage an diese Zeit.

„Lilli Marleen" kam nur als Zugabe am Schluss. Da hatte das begeisterte Publikum die aktuelle Schygulla kennengelernt, die zu erstaunlicher Kraft und Lebensfreude gefunden hat. „Emociones" sang sie auch als Zeugnis ihrer Zuneigung zur brasilianischen Sängerin Maria Bethãnia. Schon allein, wie sie diesen Namen hauchte, zeigte, dass diese Erfahrung tief geht. „Neue Gefühle habe ich", war da (auf spanisch) zu hören, und man glaubte ihr, dass die wichtigen auch ausgelebt werden müssen.

Stefan Kanyar begleitete beeindruckend sicher den Facettenreichtum der Schauspiel-Sängerin am Flügel.


Mitteldeutsche Zeitung - 3. Mai 2009

Das eigene Leben in Liedern
Schauspielerin Hanna Schygulla sang im Opernhaus Halle
 
von Ute van der Sanden 

"Aus meinem Leben" ist Hanna Schygullas persönlichster Chansonabend. Ein denkwürdiger Abend mit einer großen Schauspielerin, der einem noch eine Weile in den Ohren und, mehr noch, am Herzen liegt. Schygullas Altstimme klingt nicht schön nach herkömmlichen Begriffen, aber rauchig und wandelbar. Sie lässt kein Genre aus: Volkslieder, jiddische Lieder, romantische Kunstlieder, politische Lieder und französische Chansons fließen übergangslos aus dem gesprochenen Text, den sie wie eine Tragödie von Sophokles deklamiert. "Surabaya-Johnny" dehnt sie in ein großes Ritardando, dass zu füllen schafft nur eine wie sie. Auch das Kindertotenlied von Gustav Mahler: stark. Und das Fassbinder-Chanson "Alles in Leder": unübertroffen.

... Das Publikum erhob sich geschlossen und applaudierte stehend.



Wiener Zeitung vom 29. November 2008

Theater Akzent: Hanna Schygulla als Darstellerin der eigenen Biografie
Marionette mit Eigenleben

von Petra Tempfer

Lasziv lächelt der knallrote Erdbeermund – dafür ist sie bekannt, die Hanna Schygulla, die am Donnerstag im Theater Akzent gemeinsam mit dem Pianisten Stephan Kanyar ihre musikalische Biografie "Aus meinem Leben" erzählte. Allein die Augen, sie blicken anders als früher. Die Traurigkeit in ihnen ist verschwunden, in diesen "Augen wie Sternen", wie der deutsche Regisseur Rainer Werner Fassbinder sie einmal nannte.

Schygulla galt als dessen Lieblingsschauspielerin – sie wirkte in zahlreichen Filmen Fassbinders mit, der 1982 mit 37 Jahren gestorben ist. Dass sich ihr Leben nicht auf die intensive Zeit mit dem bizarren Autodidakten beschränken lässt, wird mit den Worten: "Ich bin eine Fassbinder-Marionette... mit Eigenleben" umschrieben – nur flüchtig streift das Programm diese Filmkarriere, die sich zwischen Traurigem und Absurdem bewegte.

Schockierendes aus der Nachkriegszeit

Als Darstellerin ihres eigenen Lebens unterbricht die Grenzgängerin zu Beginn Kinderlieder mit schockierenden Erzählungen aus der Nachkriegszeit, als Schygulla in den Trümmern Deutschlands spielte. Dabei lässt das gedämpfte Scheinwerferlicht das wallende weiße Haar nahezu blond erscheinen – und die 65-Jährige zaubert Bilder aus ihrer Schulzeit, ihren jugendlichen Phantasien und Träumen auf die Bühne, die von der Musik Elvis Presleys, der Beatles und Janis Joplins rhythmisch begleitet werden.

Bis zur Unkenntlichkeit verzerrt die Chansonniere Kulthits von Bob Dylan ("Blowin' In The Wind"), John Lennon ("Imagine") und Steppenwolf ("Born To Be Wild"). Das Wechselspiel zwischen Fiktion und Realität, das Auf und Ab dieser Jahre spiegelt sich in den Oktavsprüngen ihrer Interpretationen wider.

Als faszinierend und einschneidend wird danach die Zeit in Paris dargestellt – wo Hanna Schygulla Chansons von Edith Piaf ("Milord") kennenlernte und daraufhin die Stadt zu ihrer Wahlheimat machte.

"Die Somnambul aus Niemandsland", wie sich Schygulla selbst bezeichnet, "fühlt sich überall gleich dazugehörig – aber doch nicht so ganz." Bewusst nennt sie sich einen Antistar – der sich auch nicht zur Sängerin entwickeln möchte.

Schygulla überzeugt mit Ehrlichkeit, Lebensweisheit und Humor auf der Bühne, die sie anfangs in Dunkelheit gehüllt betritt; am Ende hinterlässt sie lächelnd ein beeindruckendes, bewegtes Lebenswerk.




Magdeburger Volksstimme  21.Februar .2006

Faszinierende Zeitreise durch ein Leben
von Dr. Herbert Henning

Es war ein Dialog mit sich selbst und doch ganz an das sensibel reagierende Magdeburger Publikum gerichtet. Die „Diva des Chansons", der internationale Filmstar und die legendäre „Muse"  von Rainer Werner Fassbinder, Hanna Schygulla, präsentierte im Opernhaus als Deutschlandpremiere ihr neues Programm „Mein Leben - eine musikalische Biografie".

Feenhaft erscheint sie zu zarten Piano-Klängen aus dem schwarzen Bühnenhintergrund. „Es schläft ein Lied in mir" singt die Schygulla, die auch im Alter immer noch diese Melancholie, diese Zerbrechlichkeit, diese Kraft und den verwirrend-schönen Ausdruck in ihrem Gesicht hat, der ihre Filmfiguren Effi Briest, Maria Braun, Petra von Kant und Lilli Marleen in den Filmen von Rainer Werner Fassbinder so einzigartig machte. Die Lieder ihres Lebens will sie „wecken", den Zuhörer mitnehmen auf eine Zeitreise, ihr Leben in Liedern und Chansons öffentlich  machen.

Aus 90 Minuten Programm wurden mehr als zwei pausenlose Stunden. Keine einzige Minute zu viel. Hanna Schygulla erweist sich nicht nur als die weltweit mit ihrem Brecht-Programm „Brecht - hier und jetzt", dem Chansonprogramm „Hanna Schygulla chantesingt", dem Abend „Traumprotokolle" und dem Tango-Abend „Tango, Borges und ich" gefeierte Diseuse, sondern als „musikalische Erzählerin" Sie erzählt, als ob sie gerade in diesem Augenblick ihre Lebensgeschichte, ihre Lebensgeschichten „erfindet", in Worte fasst. Erzähltes, mit sprachlicher Brillanz formuliert, geht nahtlos über in Lieder, die in ihrer Interpretation neu und ganz anders klingen. Kinderlieder, Schlaflieder, Weihnachtslieder, Traumlieder und Volkslieder, die sich immer auf Erlebtes, auf Begegnungen mit Menschen beziehen. Lied für Lied, in einen historischen Kontext gestellt und mit persönlichen, ganz intimen Erinnerungen  drapiert, blättert die Künstlerin mit ihrem wunderbaren Pianisten Stephan Kanyar ihr „Lebensbuch" auf. Kindheit, Jugend, erste Liebe, Paris, wohin sie 1962 als Au-pair-Mädchen ging und nie wieder wirklich nach Deutschland zurückkehrte, und: die Chansons der Edith Piaf („Mylord"). So bekennt sie sich zu ihren „Schwierigkeiten mit Deutschland" und der Vergangenheitsbewältigung und mahnt mit Brecht „wehret den Anfängen" Die Liebeslieder von Bertolt Brecht, das „Wiegenlied einer Mutter", der „Surabaja-Johnny"-Song und endlich der berühmte „Haifisch-Song" - ein Höhepunkt des Programms wie auch die (musikalischen) Erinnerungen an die 68er mit Songs von Janis Jopin, dem Song „Imagine", den Rolling Stones.

Großer Auftritt einer bedeutenden Frau

Dann endlich Fassbinder, und man spürt auch 25 Jahre nach seinem Tod die tiefe Beziehung der Schygulla zu diesem Ausnahmekünstler. Das Fassbinder-Chanson „Alles in Leder" als Hommage an den begnadeten Filmer, der neun seiner 40 Filme mit ihr drehte, für den Hanna Schygulla die „Muse" war. Dann ihre Liebe zu Lateinamerika, zum Tango Argentino, zu Jorge Leon Borges, ihre Begegnung mit Garcia Marquez. Gänse-haut-Feeling, wenn sie lasziv „Tango de Buenos Aires" singt, fast haucht. Sie spricht über ihre „Entdeckung" der Musik Brasiliens, über ihre enge Beziehung zu Maria Pineda und voller Zärtlichkeit davon, wie sie die Krankheit und das leise Sterben ihrer Eltern begleitete.

Jazzig der Abschluss. Eine wieder überraschende Schygulla mit einem Titel von Billi Holliday, atemberaubend gesungen. Als eine (erwartete) Zugabe dieses von ihrer kubanischen Freundin Alicia Bustamante inszenierten Programms dann „Lilli Marleen". Großer Auftritt einer faszinierenden Frau.





Presse über das  Programm "Traumprotokolle"

Was isses, das Leben? Täuschung ? Fiktion ?
Hanna Schygulla  bleibt die Diva der Untertreibung - Traumprotokolle der Fassbinder-Muse zu den Begegnungen
von Marianne Schultz

Was isses, das Leben, eine   Täuschung?" Fiktion?   Hanna : Schygulla hat das Unmögliche, unternommen und die Träume und  Schäume, die Abgründe, die Blicke in die eigene Seele aufgeschrieben. Ihre „Traumprotokolle", ein wahrer Höhepunkt des überaus erfolgreichen Festivals „Chemnitzer Begegnungen", sind' mehr als nur ein  Abend mit Texten, Liedern und  Videos im schwarzen Bühnenraum. Schygullas „Traumprotokolle", die vom Museum of Modern Art in New York in die Sammlung aufgenommen wurden, sind eine traumwandlerisch   ehrliche   Begegnung mit dem eigenen Ich. Schygulla träumt sich nicht schön, sie breitet einen Kosmos der menschlichen Seele aus, Jugend fegt sie beiseite wie dürres Laub, Schönheit bleibt.

Ein „traumhafter Abend" ist diese Begegnung mit einer Künstlerin, die bis heute an ihrem Ruhm aus der gemeinsamen Zeit mit Rainer Werner Fassbinder  trägt, unvergessen „Die Ehe der Maria Braun" (1978) und „Lili Marleen" (1981). Dabei kommt spätestens an diesem Abend die Erkenntnis, dass wir, das Publikum, uns nicht geirrt haben. Schygulla ist präsent wie eh und je, und alles hat irgendwie mit Rainer Werner Fassbirider zu tun. Der sagte einmal: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin." Er starb am 10. Juni 1982 nur 36-jährig an Herzversagen an einem Cocktail aus Drogen und intensivstem Arbeitspensum. Im Schlaf kann man ihm beikomment, er ist unausgesprochen der Fokus der „Traumprotokolle". Es gab eine Zeit, 1979, da begann Hanna Schygulla ihre Träume aufzuschreiben und auf Video zu bannen - oft nachts und niemals mit der Absicht, es später herzuzeigen. Auch hier war Fassbinder der Verursacher, der mit ihr, Schygulla, einen neuen Film machen wollte. Als daraus nichts wurde, stürzte sich Schygulla in die Verfilmung ihres eigenen Unbewussten, voller angestauter Energie und Depression. Daraus bezieht der Abend seine stärksten Szenen: Die junge Hanna mit großen Augen ungeschminkt, steht neben der erwachsenen Hanna. Und beide treten mit sich in Dialog.

Die Grenzerfahrung kommt ungeschminkt mit irrationaler Heiterkeit daher. Das macht ihr so leicht keiner nach. Sie berührt Traum und Albtraum, Kindheit, Mädchenzeit, Jugendzeit, Fassbinderzeit, Geld und die 68er Erfahrung. Da ist es wieder, das „Macht kaputt, was euch kaputt macht", die Abrechnung. Sie träumt sich in ein gelbes Boot und räumt mit kleinem Messer mit den Zynikern der Macht auf, um anschließend naiv zu fragen: „Sieht so eine Terroristin aus?" Keine Diva, aber entwaffnend kapriziös. Stimmlich beherrscht sie das naive Understatement, die Untertreibung, wie keine zweite. Gnadenlos gut ist der Mann am Piano. Jean-Marie Senia trägt die Schygulla auf  leisen, sanften Schwingen, geht jede Regung mit. Ihm verdankt Hanna Schygulla nicht hur die musikalische Ausbildung, er schrieb die Lieder des Abends, viele davon auf Französisch, denn die Künstlerin lebt inzwischen in Paris..

Das Lied der Lili Marleen muss als einzige Zugabe nach knapp eineinhalb Stunden unter Riesenbeifall genügen. Die Künstlerin musste eilen, um pünktlich zu einer Preisverleihung am selben Abend beim hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch zu erscheinen.

Freie Presse 24. Okt. 2005


Im Dialog mit sich selbst
Hanna Schygulla präsentierte ihr Programm "traumprotokolle" im Lörracher Burghof
von Annette Mahro

War es ein mediales Gesamtkunstwerk, eine Performance aus Ton, Text und animiertem Bild oder ein kunstvolles Wagnis? So wenig wie Hanna Schygulla sich je in einem ihrer Filme hat inszenieren lassen, gibt sie das Heft heute auch auf der Bühne ganz aus der Hand. Erfrischend wenig erinnerte der Star des einst neuen deutschen Films bei
seinem jüngsten Burghofauftritt an den Umgang anderer Kollegen mit der eigenen Bühnenvergangenheit. Auf das Einst legt sich ,,La Schygulla" so wenig fest wie auf das Jetzt. Keinem alter Ego, sondern ihrem früheren Ich begegnet die heute 60-Jährige da und baut aus
dem Dialog mit sich selbst ihr eigenes Bühnenprogramm.

"Was ist das Leben, eine Täuschung?" In schwarz-weißen, traumhaft unscharfen Videosequenzen  steht die um 25 Jahre jüngere Hanna der Jetztfrau gegenüber. Die Begegnung mit der eigenen Jugend und den von sich selbst aufgenommenen bewegten Bildern bleibt nicht im Betrachten oder Erinnern stehen, sondern wird zur gelebten Auseinandersetzung: "Du kannst gehen; Du bist ja von gestern! Dich hab' ich hinter mir!"

Beim Wunsch muss es bleiben, wir können unsere Jugend sowenig abschütteln wie Kindheit oder Mutter und Vater. Noch weniger entkommt die Schauspielerin der Erinnerung an den Regisseur, dem sie ihren ersten Starruhm verdankt. Der 1982 erst 38-jährig verstorbene Rainer Werner Fassbinder taucht mehrfach auf. Sei es in der Videoeinspielung, sei es in Zitaten. wie dem berühmten "liebe ist kälter als der Tod", dem Titel seines ersten Kinofilms von 1969.

Aber bei Fassbinder bleibt es nicht, auch Texte von Jorge Luis Borges, Arthur Rimbaud und dem Regisseur und Autor ]ean-Claude Carriere kommen eigene Rollen. Vergangenheit und. Gegenwart vermischen sich im Verlauf des Abends auf der Bühne und wechseln ständig die Richtung. Der Rückschritt in die Leinwand der jugendlichen Darstellerin muss Versuch bleiben. Auch eine noch so perfekte Lichttechnik hilft nicht, gegen die Zeit anzukommen.

Großartig wirkt dagegen die Projektion der Gegenwart. Minimal zeitversetzt macht dann die Kamera die Bühnenfigur zur Filmfigur, fängt ihre Bewegungen aus anderer Perspektive ein und gibt sie als vielfarbig gebrochenes Kaleidoskopbild wieder. So wird der Abend zu einer sehr eigenen, sehr künstlerischen Inszenierung, in die Alicia Bustamante, die Hanna Schygulla ihr "Auge von außen" nennt, so vorsichtigen Einfluss nimmt wie Benoit Therons Licht- und Jacques Sechauds Videodesign. Jede Performance wird neu dem Ort angepasst.

Wiederholbar ist das so wenig wie Jean-Marie Senias einfühlsame Kommentierung des Bühnengeschehens am Flügel. Dem Pianisten, von dem auch Schygullas 2002 im Burghof aufgeführtes "Quelque soit le songe" stammte, gebührt denn auch die Auswahl der letzten Zugabe, die mit den Bogen zurück sch1ägt: "Lili Marleen".

Badische Zeitung 30. Oktober 2004


Bittersüße Melancholie
Hanna Schygulla mit "Traumprotokollen" in Wiesbaden
von Andrea Glaser

Wie eine geheimnisvolle Fee schwebt sie über die Bühne, mal ganz verträumt, dann wieder mitreißend lachend, versprüht Lebensfreude und versinkt im nächsten Moment in bittersüße Melancholie. In ihrem Liederabend "Traumprotokolle" bei den Wiesbadener Maifestspielen durchlebt Hanna Schygulla ein Wechselbad der Gefühle, ausgelöst von existenziellen Erfahrungen, die sie bis in die Träume verfolgten. Sieben dieser Traum-Erlebnisse inspirierten die Fassbinder-Muse  1979 zu verwirrend-surrealistischen, teilweise beängstigenden Videoaufzeichnungen in grellen Fraben, in denen sie selbst die Hauptrolle spielt.

In Wiesbaden werden die Videosequenzen auf eine große transparente Leinwand projiziert, die den eigentlichen Mittelpunkt der Bühne bildet. Die Sequenzen fungieren als thematisches Gerüst des Abends, sie kreisen um Themen wie Selbstfindung und Verlust, Radikalisierung oder Tod. In einem Traum lebt Hanna Schygulla in einem Hotel für vagabundierende Künstler. Darin wohnt eine Schizophrene, die in den Gängen herumgeistert und einen geheimnisvollen Schlüssel besitzt - den Schlüssel zum Inneren der Künstlerin ?

Hanna Schygulla tanzt um diese bunte Leinwand herum, vollführt rätselhafte Schattenspiele, imitiert sich selbst auf der Leinwand, schlingt sich ihren schwarz-weißen Schal in großer Pose um den Körper und wirft sich dramatisch auf den Boden. Mit kraftvoll-nuancierter Stimme singt sie von menschlichen Ur-Erfahrungen und Ängsten, von der Liebe einer erdrückenden Mutterbeziehuung ("Lass mir mein Leben, maman") und der Revolution, die in Hass ausartet, feinfühlig am Flügel begleitet von Jean-Marie Sénia, der viele ihrer Chansons geschrieben hat. Auch Autoren wie Rimbaud und Borges leiht sie ihre Stimme.

Und immer wieder kommt sie zurück auf Rainer Werner Fassbinder, den Kult-Regisseur, mit dem sie Jahre lang intensiv zusammengearbeitet hat. "Fassbinder", ruft sie über die Bühne, und man spürt, wie viel ihr der rastlose Exzentriker auch 22 Jahre nach seinem Tod noch bedeutet. Es ist ein mediales Gesamtkunstwerk, das die Schauspielerin und Sängerin auf der Bühne entfaltet. Bilder, Musik und darstellerische Ausdruckskraft vereinen sich zu einem traumhaften Abend, der noch lange nach Verlassen des Staatstheathers nachklingt.

Main-Echo vom 4. Juni 2004



Presse über den großen Chansonabend "Hanna Schygulla chantesingt"

Hanna Schygulla träumt
...und wird beim Festival von Avignon gefeiert
von C. BERND SUCHER

Schon als Göre, so schreibt Hanna Schygulla im Programmheft, wollte sie Sängerin werden. Mit knapp fünfzig Jahren nach vielen Film- und Theater-Produktionen, war sie am Ziel, sang Brecht-Lieder und Piaf-Chansons und "Lilli Marleen". Sie wurde gefeiert - und war nicht zufrieden. Sie träumte weiter. Denn sie wollte mehr sein als die Kopie von anderen Diseusen und Sängerinnen. Es dauerte nicht lange, und sie traf Jean-Claude Carriere, der ihr Texte schrieb; sie traf den Musiker Jean-Marie Senia, der für sie komponierte - und Hanna Schygulla jubilierte: "Ich hätte mir nichts Besseres erträumen können."
Das ist wahr! Denn Senia erfand ihr nicht einfach ein paar Lieder, er schuf ihr einen 90minütigen Abend, ein Konzert für Piano und Mezzo-Sopran: "Quel que soit le songe". Nur ganz selten unterbrechen die Zuhörer im plüschigen Stadttheater von Avignon die beiden, applaudieren ihre Freude. Aber diese dieser Beifall stört den Rhythmus dieser Musik, die ein Ganzes ist. Senia verbindet leitmotivisch die Schygulla-Gesänge und die Schygulla-Rezitationen. Hält die Spannung an diesem Abend, ohne sich vorzudrängeln, was ihm die leichteste Übung wäre, denn er ist ein furioser Pianist.
Und die Schygulla, im schulterfreien, langen transparenten dunkelroten Kleid, gibt nicht den Star. Ganz uneitel spielt und spricht und singt sie die französischen oder ins Französische übersetzten Texte. Waren Edith Piafs Drei-Minuten-Chansons Kurz-Geschichten, sind Jessys Normans Fünf-Minuten-Lieder Mini-Dramen, so sind Hanna Schygullas Träumereien ein Einakter: eine tragikomische Hymne auf das Leben und die Liebe.

Diva des Chansons

Sie erzählt mit Rainer Werner Fassbinders Worten, mit Peter Peter Handkes, Heiner Müllers, Thomas Bernhards, Pablo Nerudas, Jean-Claude Carrieres Lyrik von nichts anderem. Die Schygulla verwandelt sich: Aus dem dreckigen Mädel wird das verliebte Fräulein, wird der Vamp. Sie kann unverschämt lachen und unverschämt lächeln. Ihre Augen blitzen Gier und funkeln Begehren. Sie ist schön und lieb, aber bereits in der nächsten Sekunde schlimm und böse. Ist Ledermann, Mama la Negrita und Mademoiselle Meyer. Mit schlafwandlerischer, schauspielerischer Sicherheit und mit einem unwiderstehlichen Charme zieht Hanna Schygulla die Zuschauer in ihrem Bann. Ovationen nach dieser Avignoneser Generalprobe. Die wahre Premiere steht noch bevor. Vom 10. bis zum 21.September singt die Schygulla in der Pariser Buffets du nord. Ein Triumph dort - und sie wird die neue Diva des Chansons sein.

Süddeutsche Zeitung vom 14.07.1997
 

Presse über Hanna Schygullas Brechtprogramm "Brecht ... hier und jetzt"

In Echtzeit
Alte Oper: Hanna Schygullas "Brecht...hier und jetzt"
von Hans-Jürgen Linke

Ein Brecht-Abend ist nicht nur ein Brecht-Abend. Dafür hat es schon zu viele Brecht-Abende gegeben und entsprechend viele Traditionslinien, an denen entlang Diseusen ihre Brecht-Abende gestaltet haben. jeder Brecht-Abend ist immer auch eine Reaktion auf andere Brecht- oder Weimarer-Republik-Chanson- oder Dreigroschen-Abende.

Das ist bei Hanna Schygulla anders. Sie will den Dichter vorstellen, der sie durchs Leben begleitet und mit Widersprüchen versorgt hat, mit lyrischer Lebenshilfe, alltagstauglichen Weisheiten, politischer Emphase, Trost, abgrundtiefer Schwärze. Brecht...hier und jetzt heißt ihr Programm. Sie trifft eine Auswahl aus seinen Texten, die wenig mit Brecht und mit seiner Zeit zu tun hat, dafür umso  mehr mit Hanna Schygulla und ihrer Zeit. Und mit ihren enormen schauspielerischen Fähigkeiten, Texte singend und sprechend zu interpretieren, sich anzueignen und wie ein Lotse die Tiefen darin auszumessen.

Außerdem ist ein Brecht-Abend meistens auch ein Eisler- und Weill-Abend. Das wird komischerweise nicht immer erwähnt, obwohl die enorme Bedeutung  der Musik gerade dieser beiden Komponisten für den Lyriker Brecht ja nicht von der Hand zu weisen ist.

Das ist auch bei Hanna Schygulla nicht anders: Sie ist auf die Sprache und ihre Nuancen fixiert und hält Musik für etwas, was nebenher geschieht. Und das, obwohl sie nicht einfach einen Pianisten als Begleiter mitgebracht hat, sondern Jean-Marie Sénia, einen der großen Film- und Theaterkomponisten Frankreichs.

Sénia reagiert nicht nur feinsinnig auf jede dramaturgische Tempovariation und jede dynamische Nuance, er geht auch mit dem Notenmaterial der Klavierauszüge überaus kreativ und eigensinnig um und zeigt dabei im Umgang mit geistigem Eigentum eine Laxheit von geradezu Brechtschem Ausmaßen. So kann er nicht nur als Pianist, sondern auch als Komponist und zudem mit überaus diskreter improvisatorischer Geistesgegenwart Hanna Schygulla die Musik in Echtzeit auf den Leib schneidern, immer passend dazu, wie sie ihren Brecht trägt.

Denn Hanna Schygulla trägt Brecht wie eine Kollektion von Kleidungsstücken, die auf gesellschaftliche Situationen verweisen, subkulturelle Entscheidungen, persönliche Erinnerungen, biografische Stationen. Sie blickt zurück auf sich und nimmt dazu Brechts Lyrik zu Hilfe und den blauen Maoisten-Anzug, das große Ballkleid, das Kleine Schwarze, die schwarz glänzende Fassbinder- und Brecht-Lederkluft mit Schiebermütze.

Erstaunlich ist, dass Brecht - ein Mann der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - so viel beitragen konnte zum Leben einer Frau, die gerade 15 Jahre alt war, als er starb. Und ebenso erstaunlich, wie in dieser gegenseitigen Durchdringung von literarischen Artefakten und gelebtem Leben Erfahrungen erkennbar werden, die für die erste bundesdeutsche Nachkriegsgeneration typisch sind: Es scheint für diese Aufbruchsgeneration einen gemeinsamen Bestand von existentiellen Fragen  und kulturellen Chiffren zu geben; die tiefen trennenden Gräben entstanden aus den Haltungen, die man zu diesen Fragen und Chiffren einnahm.

Hanna Schygulla feiert also nicht nur sich selbst, sondern zeigt in dem sehr artifiziellen Medium der Brechtschen Lyrik, wer sie war und geworden ist. Sie tut das mit großer Präzision und pausenloser Spannung, dazu mit einer außerordentlichen Diziplinierung ihrer  darstellerischen Mittel.  Sie spielt nichts aus , deutet nur  an, und gewinnt daraus ihre Intensität; ihre Ironie trägt keine unfreundlichen Züge; sie verwendet lieber Kürzel als ganze Sätze und lächelt nur kurz, wo andere eine Pointe gesetzt und auf Lacher gewartet hätten. Zwischenapplaus hat sie nirgends eingeplant, aber er lässt sich nicht ganz verhindern.

Und sie wählt ein hohes dramaturgisches Risiko. Die reflektierenden Zwischentexte, an denen sie ihre Brecht-Perlen aufreiht, sind selbst zuweilen verschlungen gereimt und knittelhaft rhythmisiert. das ist - einerseits - mutig: brecht in eine eigene lyrische Form einzubinden. Das liefert - andererseits - krasse Kontraste und geht natürlich schief. Aber vielleicht braucht der Abend diese Fallhöhe und diesen enormen emotionalen Mut, um so unwiderstehlich zu gelingen.

Frankfurter Rundschau, 09.05.2001



Gang mit Brecht  durchs Leben
Hanna Schygullas großer Abend im Theater: Persönliches statt Nummernfolge
von Günter Ott

Wie eine Schimäre huscht sie über die Bühne und verschwindet wieder. Und kehrt sogleich  zurück - eine Wanderin. "Wandern zwischen zwei welten" hieß ein Chanson-Programm der Hanna Schygulla, präsentiert 1996 bei den Berliner Festwochen. Am Donnerstagabend  im Theater Augsburg nahm sie das Publikum mit auf einen neuen Weg. Es ging um ihre Welt und um unsere, die die Brechts und am Rande auch um die des Rainer Werner Fassbinders. Als dessen Effi Briest, Maria Braun, Lili Marleen schrieb die Schygulla deutsche Kinogeschichte.

Die Moritat von Mackie Messer  samt dem berühmten Haifisch klammerte auf erfrischende Weise das gut eineinhalbstündige Programm, das die Besucherscharen mehr und mehr mitriss. Endlich einmal nicht die ausgelatschte Nummernfolge der Brecht-Hits, auch nicht die Schwergewichte der Brechtschen Maximen,  die auf der Bühne gern goutiert, im Leben stets negiert werden. Stattdessen ein überraschend persönlicher Abend - Wechsel der Perspektiven zwischen Enthüllen und Vergeben, Wechsel der Kleider zwischen schulterfreiem Schwarz, blauem Zweiteiler und schwarzem Ledermantel, und alles ins rechte Licht gesetzt.

Hanna Schygulla nahm Brecht an die Hand. Mit ihm schritt sie durch ihr Leben. Was bedeutete er für sie ? Und was würde er hier und heute zu dieser Welt sagen ? Fragen und leise bohrende Zweifel - das wägt die Schygulla in ihrer Seele, das reicht sie ans Publikum weiter, nicht vom Gebrauch abgeschliffene Wortmünzen. Charme und Professionalität verbinden sich bei der Sängerin von Weill und Eisler, der Sprecherin von Keuner-Geschichten und (gereimten) Zwischentexten zu einem bezwingenden Ganzen. Welche Nuancen in der Stimme, welches Volumen (etwa bei "Surabaya-Johnny") und dann wieder welcher Hauch. Da läuft immer ein sympathisch-leiser Gedankenzug mit. Diese Schauspiel-Sängerin muss nicht auftrumpfen, sich gefallsüchtig an die Rampe werfen. Wie Brecht entfacht sie die Lust auf den kleinen Wind, der in Kopf und Herz fährt.

Der Wind könnte auch all die Fäden durcheinander bringen, an denen der Mensch hängt. Wer zieht diese Fäden ? Puppentheater, Krücken, Marionetten - Hanna Schygulla erinnert an ihren ersten Theaterauftritt, an ihre "Puppenzeit" unter Fassbinder, von dem sie sich, wie sie sagt, gern dirigieren ließ. Wollte der Regisseur etwas von einer Frau, legte er ihr die Hand auf die eine und den Kopf an die andere Schulter.

Fassbinder und die Seinen schrien nach Freiheit. Man ging ins Grüne, legte sich an die Isar. Und schon reimte sich München auf Wünschen. Die Schygulla im Baal-Gefühl: "Genuss und Schluss". Ihr Liebingsgedicht, vorgetragen im Abiturjahr: der "Choral vom Manne Baal"; er hat noch im Tod den Himmel  über sich. Mit 19 geht Hanna nach Paris, die Mahnungen der Mutter vor den Verführern im Gepäck - leben, lieben, la-la-la.

Und im Gegenzug die Kälte, die über die Erde fegt, die Menschen, die dem Menschen nicht Helfer sind. Im Glitzer-Mailand sieht die Touristin einen Mann im Karton. Die einen im Licht, viele im Dunkel ... Was tun, damit auf dieser welt nicht mehr zweierlei Menschen Leben ? Hinsehen ? Wegsehen ? Wie befreit man sich zum Leben ? Schygullas Rezept: "Wo die Angst entsteht, da geht´s genau hinein."

Ein großer Auftritt, eine große Frau, in Paris und München zuhause (dort pflegt sie ihren über 90-jährigen Vater). Auf der Bühne erweist sich Jean-Marie Sénia am Piano als Seelenverwandter, souverän den musikalischen Spannungsbogen über einen Abend führend, an dessen Ende Hanna Schygulla als B.B. auf roten Hacken stöckelt: Schiebermütze, Ledermantel, Zigarre.

Langer, starker Beifall. Drei Zugaben.

Augsburger-Allgemeine - 02. November 2002