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Presse
über
das aktuelle Programm "Aus meinem Leben"
Kölner Rundschau - 16.10.2009
Schygullas Zeitreise in Köln
Musikalische Memoiren
von Barbro Schuchadt
Hanna Schygulla gastierte mit „Aus meinem Leben" in der leider nur halb
gefüllten Philharmonie. In fast allen Filmen von Rainer Werner
Fassbinder spielte Schygulla mit, auch international machte sie
Karriere.
KÖLN. Man nannte sie „die Somnambule", als sie 1969 erstmals in
Rainer Werner Fassbinders „Liebe ist kälter als der Tod" auf der
Leinwand erschien. In fast all seinen Filmen wirkte Hanna Schygulla
mit, zuletzt 1980 in „Berlin Alexanderplatz". Nach Fassbinders Tod
1982, als sie schon in Paris lebte, machte sie auch international
Karriere, drehte mit Godard, Wajda, Saura und Marco Ferreri, bekam
für dessen „Geschichte der Piera" 1983 die Goldene Palme von
Cannes.
Der Knick kam, als sie sich entschloss, 13 Jahre lang ihre Eltern zu
pflegen. In dieser Zeit fand sie zu ihrer großen Passion und
entwickelte sich in mehr als einem Dutzend Projekten zur
charismatischen Stimmschauspielerin. Im September präsentierte sie
ihre musikalische Autobiografie „Aus meinem Leben", mit der sie jetzt
in der leider nur halb gefüllten Philharmonie gastierte. Diese
wunderbare Zeitreise durch 66 intensiv gelebte Jahre beleuchtet
Entwicklungsstadien im Strudel von Nachkriegsdeutschland,
Kulturrevolution der 68er und schließlich der Besinnung aufs
Wesentliche.
Auf der sparsam ausgeleuchteten Bühne steht eine Frau, die
völlig in sich zu ruhen scheint, die viel von sich preisgibt, ohne
sich zu exhibitionieren. Das graue Haar aufgetürmt (später
fällt es locker), die fülliger gewordene Figur von wallenden
Tüchern umhüllt, plaudert sie mit schwebender Leichtigkeit
von den Kränkungen des schlesischen Flüchtlingskindes mit dem
komischen Namen in der bayerischen Grundschule.
Von der kulturellen „Erweckung" als 19-jähriges
Au-Pair-Mädchen („Haussklavin") in Paris. Von der
Schauspielschule, die sie mit Rainer Werner Fassbinder in München
besuchte, wo sie von Anfang an in seinem Action- und Antitheater
mitwirkte. Die unangestrengt fortgesponnene Geschichte entwickelt sich
im stetigen Dialog mit ihrem sensibel reagierenden Pianisten Stephan
Kanyar, ein Glücksfall der Kongenialität.
Über ergreifend schlicht gesungene Kinder- und Volkslieder
führt der Weg zu den Großen: Schygulla im Gospel-Groove von
Mahalia Jackson, sinnlich in Elvis' „Heartbreak Hotel", herausfordernd
in Piafs „Milord". Extrem wandlungsfähig wechselt sie mühelos
Genres und Register, entfaltet in Brecht / Weills „Surabaya Johnny"
einen ganzen Kosmos von Emotionen, wiegt sich herrlich ordinär bei
Kris Kristoffersons „Me and Bobby McGee" , erinnert an Janis Joplin,
Jim Morrison, Jimi Hendrix - „meine Sterne verglühten so schnell".
Die Welt der lateinamerikanischen Musik eröffnete sich der
Schygulla durch die Begegnung mit Jorge Luis Borges und Gabriel
García Márquez, der ihr eine Rolle schrieb. Mit dem Tango
„Adiós muchachos" und „Manha do Carnaval" aus ihrem
Sehnsuchtsland Brasilien beschloss sie diesen großen Abend, bevor
sie mit der Ballade „Willow weep for me" noch einmal die Bandbreite
ihres formidablen Jazz-Feelings auskostete.
Berliner Morgenpost - 3. September 2009
Hanna Schygullas ungebrochener Zauber und der Kitt der
Zeit
von
Christoph Stölzl
BERLIN - Eine "Kohorte" nennt die Soziologie Menschen, die als
Angehörige benachbarter Jahrgänge ähnliche
"Sozialisationen" erlebt haben. Früher hat man dazu "Schicksal"
gesagt. Die Angehörigen einer Kohorte sind zum gleichen Zeitpunkt
in den Fluss der Zeit gesprungen und sind mitgeschwommen, auf
Sichtweite. "Weißt du noch?" ist ihre Erkennungsparole.
Die Kohorte 1943/45 versammelte sich gestern in der "Bar jeder
Vernunft". Sie kommt, um einem Idol zu lauschen. Die Diva Hanna
Schygulla ist aus Paris angereist, um singend und erzählend ihr
Leben auszubreiten. Bevor es losgeht, sitzen wir bei brütender
Hitze draußen. Wann ist die Künstlerin eigentlich geboren?
Hier herrscht Uneinigkeit. Nicht jedoch darüber, dass die Zeit,
folgt man den Zeitungsfotos, ihre Gestalt seit den Fassbinder-Tagen in
den 1960ern doch sehr gerundet habe. Eine Dame, die dies Schicksal
teilt, sagt zu ihrem Mann: "Das ist auch schon lange her, dass du
Rehlein zu mir gesagt hast."
Aber drinnen, im dunklen Zelt, verfliegt alle Ironie, nachdem die
Schygulla die ersten Worte gesprochen hat. Da ist sie wieder, diese
warme süddeutsche Stimme, dieses halb Liebliche, halb
Brüchige, dieses Somnambule, das eine Generation in den
Fassbinder-Filmen behext hat. Der Zauber ist ungebrochen. Sie
flüstert, sie raunt, sie schluchzt, sie singt zärtlich und
grell, sie lässt den Atem strömen und die Stimme schleifen,
dass es mitten ins Herz geht. Eigentlich wäre es schon
abendfüllend, wie sie von der Münchner Kindheit des
schlesischen Flüchtlingsmädchens erzählt, das die
Schulkameraden "Polen-Matz" rufen. Von Kinderglauben und
Religionszweifel, von den Spielen in Trümmern und dem Vater, der
aus der Gefangenschaft heimkommt. Sie singt deutsche Volkslieder dazu,
so, wie man sie noch nie gehört hat, innig und erschreckend
zugleich. Aus Volksliedern werden dann Rocksongs und Kurt Weill und am
Ende Tango Argentino.
Es wird ein langer Abend, bis die Diva, heiß und erschöpft
wie ihr hingerissenes Publikum über den Raketenflug des
Fassbinder-Ruhms und den Mäandern ihres internationalen Lebens
danach endlich bei ihrer Zugabe "Lili Marleen" angekommen ist.
Da, wo sie deutsch gesungen hat, war es berührend und nah. Da, wo
es in anderen Sprachen geschah, war es Zeugnis des
Kohorten-Erlebnisses, dass man die Anverwandlung des Fremden mit
Inbrunst suchte - und gerade dadurch so durch und durch deutsch blieb.
Hingehen! Zuhören! Viermal singt sie noch.
dpa - 2. September 2009
Hanna Schygulla bei Premiere gefeiert
Als die Leute zu ihr sagten „Frau Schygulla, es ist ja so still um
sie geworden" – da hat sie sich nicht aufgeregt. Ihre Antwort: „Tja,
kann halt auch mal wieder anders werden!"
Die Schauspielerin Hanna Schygulla weiß, dass sie ihre
größte Zeit vor 30 Jahren mit Rainer Werner Fassbinder
hatte. Mit „Effi Briest", „Die Ehe der Maria Braun" und „Lili Marleen"
schrieb sie Filmgeschichte.
Hanna Schygulla ist einer der wenigen deutschen Stars mit
internationaler Karriere, sie hat mit vielen großen Regisseuren
gearbeitet. Bei ihr passt der Artikel vor dem Nachnamen: „die
Schygulla" also. Seit Dienstagabend gastiert die Schauspielerin mit
ihrer musikalischen Biografie „Aus meinem Leben" in Berlin. Bei der
Premiere in der „Bar jeder Vernunft" trampelte das Publikum vor
Begeisterung mit den Füßen.
Fassbinders wichtigste Schauspielerin ist heute 65 Jahre alt. Und, wie
beruhigend: Beim Botox- und Jugendwahn der Filmbranche macht sie nicht
mit. Die Haare sind grau, die Kleider wallen. Selbstironisch
erzählte sie einmal einem Reporter, dass sie auch die dicke Omi
spielen könnte, die sie bei dem Interview auf einem Kinderbuch
erblickte. Hanna Schygulla strahlt eine besondere Schönheit und
Gelassenheit aus. Das ist neben der Musik der Charme des Abends.
Luftig begleitet von Pianist Stephan Kanyar, reicht ihre Spanne von
Volksliedern über Brecht, Edith Piaf, John Lennon, Bob Dylan bis
zu einem Lateinamerika-Block. Viele Klassiker sind dabei, die meisten
gekonnt und originell interpretiert, nur das abgedudelte „Satisfaction"
hätte sie sich sparen können.
Aus ihrem Leben erzählt Schygulla gerade so viel, dass es
interessant und nicht zu egozentrisch ist: die Flucht aus Schlesien,
die Kindheit in Bayern und die frühe Lust am Anderssein – die
Artistenkinder in der Schule faszinieren sie. Dann die Zeit als Au-pair
in Paris („halb Haustochter, halb Haussklave") und das Hadern mit dem
Vaterland, das typisch war für ihre Generation. „Wir waren
geradezu allergisch auf das Deutsche."
Bis Hanna Schygulla beim Theater, bei Fassbinder angekommen ist, dauert
es mehr als eine Stunde. Er hat einen wichtigen, aber keinen dominanten
Platz im Programm. Nur 13 Jahre hatte der Regisseur (bis zu seinem Tod
1982), um sein „Haus aus Filmen" zu bauen, wie sie sagt. Ein
„Bündel an Widersprüchen" sei er gewesen, „so schüchtern
und so frech zugleich". Wenn die Schauspielerin Fotos von sich aus
dieser Zeit sieht, fallen ihr die „traurigen Augen" auf.
Lange kümmerte sich Schygulla um die Pflege ihrer Eltern, da war
sie weniger präsent. Seit 13 Jahren singt sie. Die „schönsten
Dreharbeiten" erlebte die Schauspielerin auf Kuba bei der Verfilmung
eines Stoffs von Gabriel García Márquez, erzählt
sie. Warum Paris seit 1981 ihre Wahlheimat ist, wie es zur
Zusammenarbeit mit dem jungen Regisseur Fatih Akin („Auf der anderen
Seite") kam, das erfährt man bei dem Kabarettabend nicht. Im
September steht sie für den Film „Faust" des russischen Regisseurs
Alexander Sokurow nach Motiven von Goethe vor der Kamera.
Am Ende ihrer musikalischen Zeitreise gibt es Jazz, dann eine Zugabe.
„Ich schenke Ihnen zum Abschied einen alten Hut", sagt Hanna Schygulla.
Sie singt „Lili Marleen". Eine Zuschauerin reicht ihr weiße Rosen.
Märkische Allgemeine - 5. Mai 2009
Somnambule aus dem Niemandsland
Soloabend „Aus meinem Leben" der Schauspielerin Hanna
Schygulla im Hans-Otto-Theater
von
Hanne Landbeck
POTSDAM - Als Hanna Schygulla am Sonntagabend nach der Pause die
Haare offen im roten Rock und der schwarzen Bluse in das behutsam
vernebelte Scheinwerferlicht trat, da wirkte sie wie ein Vamp und hatte
längst das Publikum erobert. In „Born to be wild" kulminierte ihre
selbstbewusste und sehr sinnliche Sangeskunst. Das Publikum dankte mit
spontanem Beifall und die Sängerin erkannte, dass sie passend zum
Hans-Otto-Theater gekleidet war.
Ihre musikalische Biographie führte durch Stationen „Aus meinem
Leben", das in den 1940er Jahren begann, als man noch Heil Hitler
skandierte und ihre Mutter vor der Geburt kurzfristig den geplanten
Vornamen von Dagmar in Hanna änderte. Weil sie mal eine gekannt
hatte, die so hieß, ist die einzige Information, die Hanna
Schygulla über ihre Namensvetterin von der Mutter erhielt – und
nach dem Tod der Eltern, die sie pflegte, ist die Diseuse traurig
darüber, dass sie nicht weiter fragte.
Der Holocaust und sein Schatten bildeten die Folie ihrer Kindheit,
Lieder wie „Am Brunnen vor dem Tore", „Wochenend und Sonnenschein" oder
„Tief im Wald" den Klangteppich. Allerdings ging der Abend wie die
Stimme der Starschauspielerin von Rainer Werner Fassbinder in die
Tiefe, bewegend beim „Kindertotenlied" von Mahler; ergreifend im Umgang
mit eigenen und gesellschaftlichen Erfahrungen, die die „Somnambule aus
dem Niemandsland" auch im Widerstreit mit Deutschland machte.
Schon lange lebt sie in Paris. Als sie in die Pubertät kam,
passierte „etwas mit meinem Körper", und „jetzt waren die Jungs
hinter mir her". Diese Jungs waren nicht die braven, sondern jene, die
wie sie revoltierten, eine andere Welt schaffen wollten. Janis Joplins
„Me and Bobby Mc Gee" mit der Freiheitsbeschwörung war für
die junge Frau eine Offenbarung, kurz darauf begegnete sie jenem Mann,
der sich ebenfalls schnell verbrannte: Rainer Werner Fassbinder. Die
Jahre mit ihm streifte die Diva nur kurz, aber „Alles aus Leder" von
Fassbinder war eine starke Hommage an diese Zeit.
„Lilli Marleen" kam nur als Zugabe am Schluss. Da hatte das begeisterte
Publikum die aktuelle Schygulla kennengelernt, die zu erstaunlicher
Kraft und Lebensfreude gefunden hat. „Emociones" sang sie auch als
Zeugnis ihrer Zuneigung zur brasilianischen Sängerin Maria
Bethãnia. Schon allein, wie sie diesen Namen hauchte, zeigte,
dass diese Erfahrung tief geht. „Neue Gefühle habe ich", war da
(auf spanisch) zu hören, und man glaubte ihr, dass die wichtigen
auch ausgelebt werden müssen.
Stefan Kanyar begleitete beeindruckend sicher den Facettenreichtum der
Schauspiel-Sängerin am Flügel.
Mitteldeutsche Zeitung - 3. Mai 2009
Das eigene Leben in Liedern
Schauspielerin Hanna Schygulla sang im Opernhaus Halle
von Ute van der Sanden
"Aus meinem Leben" ist Hanna Schygullas persönlichster
Chansonabend. Ein denkwürdiger Abend mit einer großen
Schauspielerin, der einem noch eine Weile in den Ohren und, mehr noch,
am Herzen liegt. Schygullas Altstimme klingt nicht schön nach
herkömmlichen Begriffen, aber rauchig und wandelbar. Sie
lässt kein Genre aus: Volkslieder, jiddische Lieder, romantische
Kunstlieder, politische Lieder und französische Chansons
fließen übergangslos aus dem gesprochenen Text, den sie wie
eine Tragödie von Sophokles deklamiert. "Surabaya-Johnny" dehnt
sie in ein großes Ritardando, dass zu füllen schafft nur
eine wie sie. Auch das Kindertotenlied von Gustav Mahler: stark. Und
das Fassbinder-Chanson "Alles in Leder": unübertroffen.
... Das Publikum erhob sich geschlossen und applaudierte stehend.
Wiener Zeitung vom 29. November 2008
Theater Akzent: Hanna Schygulla als
Darstellerin der eigenen Biografie
Marionette mit Eigenleben
von
Petra Tempfer
Lasziv lächelt der knallrote Erdbeermund – dafür ist sie
bekannt, die Hanna Schygulla, die am Donnerstag im Theater Akzent
gemeinsam mit dem Pianisten Stephan Kanyar ihre musikalische Biografie
"Aus meinem Leben" erzählte. Allein die Augen, sie blicken anders
als früher. Die Traurigkeit in ihnen ist verschwunden, in diesen
"Augen wie Sternen", wie der deutsche Regisseur Rainer Werner
Fassbinder sie einmal nannte.
Schygulla galt als dessen Lieblingsschauspielerin – sie wirkte in
zahlreichen Filmen Fassbinders mit, der 1982 mit 37 Jahren gestorben
ist. Dass sich ihr Leben nicht auf die intensive Zeit mit dem bizarren
Autodidakten beschränken lässt, wird mit den Worten: "Ich bin
eine Fassbinder-Marionette... mit Eigenleben" umschrieben – nur
flüchtig streift das Programm diese Filmkarriere, die sich
zwischen Traurigem und Absurdem bewegte.
Schockierendes aus der Nachkriegszeit
Als Darstellerin ihres eigenen Lebens unterbricht die
Grenzgängerin zu Beginn Kinderlieder mit schockierenden
Erzählungen aus der Nachkriegszeit, als Schygulla in den
Trümmern Deutschlands spielte. Dabei lässt das gedämpfte
Scheinwerferlicht das wallende weiße Haar nahezu blond erscheinen
– und die 65-Jährige zaubert Bilder aus ihrer Schulzeit, ihren
jugendlichen Phantasien und Träumen auf die Bühne, die von
der Musik Elvis Presleys, der Beatles und Janis Joplins rhythmisch
begleitet werden.
Bis zur Unkenntlichkeit verzerrt die Chansonniere Kulthits von Bob
Dylan ("Blowin' In The Wind"), John Lennon ("Imagine") und Steppenwolf
("Born To Be Wild"). Das Wechselspiel zwischen Fiktion und
Realität, das Auf und Ab dieser Jahre spiegelt sich in den
Oktavsprüngen ihrer Interpretationen wider.
Als faszinierend und einschneidend wird danach die Zeit in Paris
dargestellt – wo Hanna Schygulla Chansons von Edith Piaf ("Milord")
kennenlernte und daraufhin die Stadt zu ihrer Wahlheimat machte.
"Die Somnambul aus Niemandsland", wie sich Schygulla selbst bezeichnet,
"fühlt sich überall gleich dazugehörig – aber doch nicht
so ganz." Bewusst nennt sie sich einen Antistar – der sich auch nicht
zur Sängerin entwickeln möchte.
Schygulla überzeugt mit Ehrlichkeit, Lebensweisheit und Humor auf
der Bühne, die sie anfangs in Dunkelheit gehüllt betritt; am
Ende hinterlässt sie lächelnd ein beeindruckendes, bewegtes
Lebenswerk.
Magdeburger
Volksstimme 21.Februar .2006
Faszinierende Zeitreise
durch
ein Leben
von Dr. Herbert Henning
Es war ein Dialog mit sich selbst und doch ganz an das
sensibel reagierende Magdeburger Publikum gerichtet. Die „Diva des
Chansons", der internationale Filmstar und die legendäre
„Muse" von Rainer Werner Fassbinder, Hanna Schygulla,
präsentierte im Opernhaus als Deutschlandpremiere ihr neues
Programm „Mein Leben - eine musikalische Biografie".
Feenhaft erscheint sie zu zarten Piano-Klängen aus dem schwarzen
Bühnenhintergrund. „Es schläft ein Lied in mir" singt die
Schygulla, die auch im Alter immer noch diese Melancholie, diese
Zerbrechlichkeit, diese Kraft und den verwirrend-schönen Ausdruck
in ihrem Gesicht hat, der ihre Filmfiguren Effi Briest, Maria Braun,
Petra von Kant und Lilli Marleen in den Filmen von Rainer Werner
Fassbinder so einzigartig machte. Die Lieder ihres Lebens will sie
„wecken", den Zuhörer mitnehmen auf eine Zeitreise, ihr Leben in
Liedern und Chansons öffentlich machen.
Aus 90 Minuten Programm wurden mehr als zwei pausenlose Stunden. Keine
einzige Minute zu viel. Hanna Schygulla erweist sich nicht nur als die
weltweit mit ihrem Brecht-Programm „Brecht - hier und jetzt", dem
Chansonprogramm „Hanna Schygulla chantesingt", dem Abend
„Traumprotokolle" und dem Tango-Abend „Tango, Borges und ich" gefeierte
Diseuse, sondern als „musikalische Erzählerin" Sie erzählt,
als ob sie gerade in diesem Augenblick ihre Lebensgeschichte, ihre
Lebensgeschichten „erfindet", in Worte fasst. Erzähltes, mit
sprachlicher Brillanz formuliert, geht nahtlos über in Lieder, die
in ihrer Interpretation neu und ganz anders klingen. Kinderlieder,
Schlaflieder, Weihnachtslieder, Traumlieder und Volkslieder, die sich
immer auf Erlebtes, auf Begegnungen mit Menschen beziehen. Lied
für Lied, in einen historischen Kontext gestellt und mit
persönlichen, ganz intimen Erinnerungen drapiert,
blättert die Künstlerin mit ihrem wunderbaren Pianisten
Stephan Kanyar ihr „Lebensbuch" auf. Kindheit, Jugend, erste Liebe,
Paris, wohin sie 1962 als Au-pair-Mädchen ging und nie wieder
wirklich nach Deutschland zurückkehrte, und: die Chansons der
Edith Piaf („Mylord"). So bekennt sie sich zu ihren „Schwierigkeiten
mit Deutschland" und der Vergangenheitsbewältigung und mahnt mit
Brecht „wehret den Anfängen" Die Liebeslieder von Bertolt Brecht,
das „Wiegenlied einer Mutter", der „Surabaja-Johnny"-Song und endlich
der berühmte „Haifisch-Song" - ein Höhepunkt des Programms
wie auch die (musikalischen) Erinnerungen an die 68er mit Songs von
Janis Jopin, dem Song „Imagine", den Rolling Stones.
Großer Auftritt einer bedeutenden Frau
Dann endlich Fassbinder, und man spürt auch 25 Jahre nach seinem
Tod die tiefe Beziehung der Schygulla zu diesem Ausnahmekünstler.
Das Fassbinder-Chanson „Alles in Leder" als Hommage an den begnadeten
Filmer, der neun seiner 40 Filme mit ihr drehte, für den Hanna
Schygulla die „Muse" war. Dann ihre Liebe zu Lateinamerika, zum Tango
Argentino, zu Jorge Leon Borges, ihre Begegnung mit Garcia Marquez.
Gänse-haut-Feeling, wenn sie lasziv „Tango de Buenos Aires" singt,
fast haucht. Sie spricht über ihre „Entdeckung" der Musik
Brasiliens, über ihre enge Beziehung zu Maria Pineda und voller
Zärtlichkeit davon, wie sie die Krankheit und das leise Sterben
ihrer Eltern begleitete.
Jazzig der Abschluss. Eine wieder überraschende Schygulla mit
einem Titel von Billi Holliday, atemberaubend gesungen. Als eine
(erwartete) Zugabe dieses von ihrer kubanischen Freundin Alicia
Bustamante inszenierten Programms dann „Lilli Marleen". Großer
Auftritt einer faszinierenden Frau.
Presse über
das Programm "Traumprotokolle"
Was isses, das Leben? Täuschung ? Fiktion ?
Hanna Schygulla bleibt die Diva der Untertreibung -
Traumprotokolle der Fassbinder-Muse zu den Begegnungen
von Marianne Schultz
Was isses, das Leben, eine
Täuschung?" Fiktion? Hanna : Schygulla hat das
Unmögliche, unternommen und die Träume und
Schäume, die Abgründe, die Blicke in die eigene Seele
aufgeschrieben. Ihre „Traumprotokolle", ein wahrer Höhepunkt des
überaus erfolgreichen Festivals „Chemnitzer Begegnungen", sind'
mehr als nur ein Abend mit Texten, Liedern und Videos im
schwarzen Bühnenraum. Schygullas „Traumprotokolle", die vom Museum
of Modern Art in New York in die Sammlung aufgenommen wurden, sind eine
traumwandlerisch ehrliche Begegnung mit dem
eigenen Ich. Schygulla träumt sich nicht schön, sie breitet
einen Kosmos der menschlichen Seele aus, Jugend fegt sie beiseite wie
dürres Laub, Schönheit bleibt.
Ein „traumhafter Abend" ist diese Begegnung mit einer Künstlerin,
die bis heute an ihrem Ruhm aus der gemeinsamen Zeit mit Rainer Werner
Fassbinder trägt, unvergessen „Die Ehe der Maria Braun"
(1978) und „Lili Marleen" (1981). Dabei kommt spätestens an diesem
Abend die Erkenntnis, dass wir, das Publikum, uns nicht geirrt haben.
Schygulla ist präsent wie eh und je, und alles hat irgendwie mit
Rainer Werner Fassbirider zu tun. Der sagte einmal: „Schlafen kann ich,
wenn ich tot bin." Er starb am 10. Juni 1982 nur 36-jährig an
Herzversagen an einem Cocktail aus Drogen und intensivstem
Arbeitspensum. Im Schlaf kann man ihm beikomment, er ist
unausgesprochen der Fokus der „Traumprotokolle". Es gab eine Zeit,
1979, da begann Hanna Schygulla ihre Träume aufzuschreiben und auf
Video zu bannen - oft nachts und niemals mit der Absicht, es
später herzuzeigen. Auch hier war Fassbinder der Verursacher, der
mit ihr, Schygulla, einen neuen Film machen wollte. Als daraus nichts
wurde, stürzte sich Schygulla in die Verfilmung ihres eigenen
Unbewussten, voller angestauter Energie und Depression. Daraus bezieht
der Abend seine stärksten Szenen: Die junge Hanna mit großen
Augen ungeschminkt, steht neben der erwachsenen Hanna. Und beide treten
mit sich in Dialog.
Die Grenzerfahrung kommt ungeschminkt mit irrationaler Heiterkeit
daher. Das macht ihr so leicht keiner nach. Sie berührt Traum und
Albtraum, Kindheit, Mädchenzeit, Jugendzeit, Fassbinderzeit, Geld
und die 68er Erfahrung. Da ist es wieder, das „Macht kaputt, was euch
kaputt macht", die Abrechnung. Sie träumt sich in ein gelbes Boot
und räumt mit kleinem Messer mit den Zynikern der Macht auf, um
anschließend naiv zu fragen: „Sieht so eine Terroristin aus?"
Keine Diva, aber entwaffnend kapriziös. Stimmlich beherrscht sie
das naive Understatement, die Untertreibung, wie keine zweite.
Gnadenlos gut ist der Mann am Piano. Jean-Marie Senia trägt die
Schygulla auf leisen, sanften Schwingen, geht jede Regung mit.
Ihm verdankt Hanna Schygulla nicht hur die musikalische Ausbildung, er
schrieb die Lieder des Abends, viele davon auf Französisch, denn
die Künstlerin lebt inzwischen in Paris..
Das Lied der Lili Marleen muss als einzige Zugabe nach knapp eineinhalb
Stunden unter Riesenbeifall genügen. Die Künstlerin musste
eilen, um pünktlich zu einer Preisverleihung am selben Abend beim
hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch zu erscheinen.
Freie Presse 24. Okt. 2005
Im Dialog
mit sich
selbst
Hanna Schygulla präsentierte ihr Programm "traumprotokolle"
im Lörracher Burghof
von Annette
Mahro
War es ein mediales
Gesamtkunstwerk, eine Performance aus Ton, Text und animiertem Bild
oder ein
kunstvolles Wagnis? So wenig wie Hanna Schygulla sich je in einem ihrer
Filme
hat inszenieren lassen, gibt sie das Heft heute auch auf der Bühne
ganz aus der
Hand. Erfrischend wenig erinnerte der Star des einst neuen deutschen
Films bei
seinem jüngsten
Burghofauftritt an den Umgang anderer Kollegen mit der eigenen
Bühnenvergangenheit. Auf das Einst legt sich ,,La Schygulla" so
wenig fest
wie auf das Jetzt. Keinem alter Ego, sondern ihrem früheren Ich
begegnet die
heute 60-Jährige da und baut aus dem Dialog mit sich selbst
ihr eigenes Bühnenprogramm.
"Was ist das Leben, eine
Täuschung?" In schwarz-weißen, traumhaft unscharfen
Videosequenzen steht die um 25 Jahre
jüngere Hanna der
Jetztfrau gegenüber. Die Begegnung mit der eigenen Jugend und den
von sich
selbst aufgenommenen bewegten Bildern bleibt nicht im Betrachten oder
Erinnern
stehen, sondern wird zur gelebten Auseinandersetzung: "Du kannst gehen;
Du
bist ja von gestern! Dich hab' ich hinter mir!"
Beim Wunsch muss es bleiben,
wir können unsere Jugend sowenig abschütteln wie Kindheit
oder Mutter und Vater.
Noch weniger entkommt die Schauspielerin der Erinnerung an den
Regisseur, dem
sie ihren ersten Starruhm verdankt. Der 1982 erst 38-jährig
verstorbene Rainer
Werner Fassbinder taucht mehrfach auf. Sei es in der Videoeinspielung,
sei es
in Zitaten. wie dem berühmten "liebe ist kälter als der Tod",
dem
Titel seines ersten Kinofilms von 1969.
Aber bei Fassbinder bleibt es
nicht, auch Texte von Jorge Luis Borges, Arthur Rimbaud und dem
Regisseur und
Autor ]ean-Claude
Carriere kommen
eigene Rollen. Vergangenheit und. Gegenwart vermischen sich im Verlauf
des Abends auf der Bühne und wechseln ständig die Richtung.
Der Rückschritt in
die Leinwand der jugendlichen Darstellerin muss Versuch bleiben. Auch
eine
noch so perfekte Lichttechnik hilft nicht, gegen die Zeit anzukommen.
Großartig wirkt dagegen
die Projektion der Gegenwart. Minimal zeitversetzt macht dann die
Kamera die
Bühnenfigur zur Filmfigur, fängt ihre Bewegungen aus anderer
Perspektive ein
und gibt sie als vielfarbig gebrochenes Kaleidoskopbild wieder. So wird
der
Abend zu einer sehr eigenen, sehr
künstlerischen Inszenierung, in die Alicia Bustamante, die Hanna Schygulla ihr
"Auge von außen" nennt, so vorsichtigen Einfluss nimmt wie Benoit
Therons Licht- und Jacques Sechauds Videodesign. Jede Performance wird
neu dem
Ort angepasst.
Wiederholbar ist das so wenig wie
Jean-Marie Senias einfühlsame
Kommentierung des Bühnengeschehens am Flügel. Dem Pianisten,
von dem auch
Schygullas 2002 im Burghof aufgeführtes "Quelque soit le songe"
stammte,
gebührt denn auch die Auswahl der letzten Zugabe, die mit den
Bogen zurück
sch1ägt: "Lili Marleen".
Badische Zeitung 30. Oktober 2004
Bittersüße
Melancholie
Hanna Schygulla mit "Traumprotokollen" in Wiesbaden
von Andrea Glaser
Wie eine geheimnisvolle Fee schwebt sie über die Bühne, mal
ganz verträumt, dann wieder mitreißend lachend,
versprüht Lebensfreude und versinkt im nächsten Moment in
bittersüße Melancholie. In ihrem Liederabend
"Traumprotokolle" bei den Wiesbadener Maifestspielen durchlebt Hanna
Schygulla ein Wechselbad der Gefühle, ausgelöst von
existenziellen Erfahrungen, die sie bis in die Träume verfolgten.
Sieben dieser Traum-Erlebnisse inspirierten die Fassbinder-Muse
1979 zu verwirrend-surrealistischen, teilweise beängstigenden
Videoaufzeichnungen in grellen Fraben, in denen sie selbst die
Hauptrolle spielt.
In Wiesbaden werden die Videosequenzen auf eine große
transparente Leinwand projiziert, die den eigentlichen Mittelpunkt der
Bühne bildet. Die Sequenzen fungieren als thematisches Gerüst
des Abends, sie kreisen um Themen wie Selbstfindung und Verlust,
Radikalisierung oder Tod. In einem Traum lebt Hanna Schygulla in einem
Hotel für vagabundierende Künstler. Darin wohnt eine
Schizophrene, die in den Gängen herumgeistert und einen
geheimnisvollen Schlüssel besitzt - den Schlüssel zum Inneren
der Künstlerin ?
Hanna Schygulla tanzt um diese bunte Leinwand herum, vollführt
rätselhafte Schattenspiele, imitiert sich selbst auf der Leinwand,
schlingt sich ihren schwarz-weißen Schal in großer Pose um
den Körper und wirft sich dramatisch auf den Boden. Mit
kraftvoll-nuancierter Stimme singt sie von menschlichen Ur-Erfahrungen
und Ängsten, von der Liebe einer erdrückenden
Mutterbeziehuung ("Lass mir mein Leben, maman") und der Revolution, die
in Hass ausartet, feinfühlig am Flügel begleitet von
Jean-Marie Sénia, der viele ihrer Chansons geschrieben hat. Auch
Autoren wie Rimbaud und Borges leiht sie ihre Stimme.
Und immer wieder kommt sie zurück auf Rainer Werner Fassbinder,
den Kult-Regisseur, mit dem sie Jahre lang intensiv zusammengearbeitet
hat. "Fassbinder", ruft sie über die Bühne, und man
spürt, wie viel ihr der rastlose Exzentriker auch 22 Jahre nach
seinem Tod noch bedeutet. Es ist ein mediales Gesamtkunstwerk, das die
Schauspielerin und Sängerin auf der Bühne entfaltet. Bilder,
Musik und darstellerische Ausdruckskraft vereinen sich zu einem
traumhaften Abend, der noch lange nach Verlassen des Staatstheathers
nachklingt.
Main-Echo vom 4. Juni 2004
Presse über den großen
Chansonabend
"Hanna Schygulla chantesingt"
Hanna Schygulla träumt
...und wird beim Festival von
Avignon gefeiert
von C. BERND SUCHER
Schon als Göre, so schreibt
Hanna Schygulla im Programmheft, wollte sie Sängerin werden. Mit
knapp fünfzig Jahren nach vielen Film- und Theater-Produktionen,
war sie am Ziel, sang Brecht-Lieder
und Piaf-Chansons und "Lilli Marleen". Sie wurde gefeiert - und war
nicht
zufrieden. Sie träumte weiter. Denn sie wollte mehr sein als die
Kopie
von anderen Diseusen und Sängerinnen. Es dauerte nicht lange, und
sie
traf Jean-Claude Carriere, der ihr Texte schrieb; sie traf den Musiker
Jean-Marie
Senia, der für sie komponierte - und Hanna Schygulla jubilierte:
"Ich
hätte mir nichts Besseres erträumen können."
Das ist wahr! Denn Senia erfand ihr
nicht
einfach ein paar Lieder, er schuf ihr einen 90minütigen Abend, ein
Konzert
für Piano und Mezzo-Sopran: "Quel que soit le songe". Nur ganz
selten
unterbrechen die Zuhörer im plüschigen Stadttheater von
Avignon
die beiden, applaudieren ihre Freude. Aber diese dieser Beifall
stört
den Rhythmus dieser Musik, die ein Ganzes ist. Senia verbindet
leitmotivisch
die Schygulla-Gesänge und die Schygulla-Rezitationen. Hält
die
Spannung an diesem Abend, ohne sich vorzudrängeln, was ihm die
leichteste
Übung wäre, denn er ist ein furioser Pianist.
Und die Schygulla, im
schulterfreien, langen
transparenten dunkelroten Kleid, gibt nicht den Star. Ganz uneitel
spielt
und spricht und singt sie die französischen oder ins
Französische übersetzten Texte. Waren Edith Piafs
Drei-Minuten-Chansons Kurz-Geschichten, sind Jessys Normans
Fünf-Minuten-Lieder Mini-Dramen, so sind Hanna Schygullas
Träumereien ein Einakter: eine tragikomische Hymne auf das Leben
und
die Liebe.
Diva des Chansons
Sie erzählt mit Rainer
Werner Fassbinders
Worten, mit Peter Peter Handkes, Heiner Müllers, Thomas Bernhards,
Pablo
Nerudas, Jean-Claude Carrieres Lyrik von nichts anderem. Die Schygulla
verwandelt
sich: Aus dem dreckigen Mädel wird das verliebte Fräulein,
wird
der Vamp. Sie kann unverschämt lachen und unverschämt
lächeln.
Ihre Augen blitzen Gier und funkeln Begehren. Sie ist schön und
lieb,
aber bereits in der nächsten Sekunde schlimm und böse. Ist
Ledermann,
Mama la Negrita und Mademoiselle Meyer. Mit schlafwandlerischer,
schauspielerischer
Sicherheit und mit einem unwiderstehlichen Charme zieht Hanna Schygulla
die
Zuschauer in ihrem Bann. Ovationen nach dieser Avignoneser
Generalprobe.
Die wahre Premiere steht noch bevor. Vom 10. bis zum 21.September singt
die
Schygulla in der Pariser Buffets du nord. Ein Triumph dort - und sie
wird
die neue Diva des Chansons sein.
Süddeutsche Zeitung vom 14.07.1997
Presse über Hanna
Schygullas Brechtprogramm "Brecht ... hier und jetzt"
In Echtzeit
Alte Oper: Hanna Schygullas
"Brecht...hier und jetzt"
von Hans-Jürgen Linke
Ein Brecht-Abend ist nicht nur ein
Brecht-Abend. Dafür hat es schon zu viele Brecht-Abende gegeben
und entsprechend viele
Traditionslinien, an denen entlang Diseusen ihre Brecht-Abende
gestaltet haben.
jeder Brecht-Abend ist immer auch eine Reaktion auf andere Brecht- oder
Weimarer-Republik-Chanson-
oder Dreigroschen-Abende.
Das ist bei Hanna Schygulla anders. Sie will
den
Dichter vorstellen, der sie durchs Leben begleitet und mit
Widersprüchen versorgt hat, mit lyrischer Lebenshilfe,
alltagstauglichen Weisheiten, politischer
Emphase, Trost, abgrundtiefer Schwärze. Brecht...hier und
jetzt heißt
ihr Programm. Sie trifft eine Auswahl aus seinen Texten, die wenig mit
Brecht
und mit seiner Zeit zu tun hat, dafür umso mehr mit Hanna
Schygulla
und ihrer Zeit. Und mit ihren enormen schauspielerischen
Fähigkeiten,
Texte singend und sprechend zu interpretieren, sich anzueignen und wie
ein
Lotse die Tiefen darin auszumessen.
Außerdem ist ein Brecht-Abend meistens
auch
ein Eisler- und Weill-Abend. Das wird komischerweise nicht immer
erwähnt, obwohl die enorme Bedeutung der Musik gerade dieser
beiden Komponisten für den Lyriker Brecht ja nicht von der Hand zu
weisen ist.
Das ist auch bei Hanna Schygulla nicht
anders: Sie
ist auf die Sprache und ihre Nuancen fixiert und hält Musik
für etwas, was nebenher geschieht. Und das, obwohl sie nicht
einfach einen Pianisten
als Begleiter mitgebracht hat, sondern Jean-Marie Sénia, einen
der
großen Film- und Theaterkomponisten Frankreichs.
Sénia reagiert nicht nur feinsinnig
auf jede
dramaturgische Tempovariation und jede dynamische Nuance, er geht auch
mit
dem Notenmaterial der Klavierauszüge überaus kreativ und
eigensinnig
um und zeigt dabei im Umgang mit geistigem Eigentum eine Laxheit von
geradezu
Brechtschem Ausmaßen. So kann er nicht nur als Pianist, sondern
auch
als Komponist und zudem mit überaus diskreter improvisatorischer
Geistesgegenwart
Hanna Schygulla die Musik in Echtzeit auf den Leib schneidern, immer
passend
dazu, wie sie ihren Brecht trägt.
Denn Hanna Schygulla trägt Brecht wie
eine Kollektion von Kleidungsstücken, die auf gesellschaftliche
Situationen verweisen, subkulturelle Entscheidungen, persönliche
Erinnerungen, biografische
Stationen. Sie blickt zurück auf sich und nimmt dazu Brechts Lyrik
zu
Hilfe und den blauen Maoisten-Anzug, das große Ballkleid, das
Kleine
Schwarze, die schwarz glänzende Fassbinder- und Brecht-Lederkluft
mit
Schiebermütze.
Erstaunlich ist, dass Brecht - ein Mann der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - so viel beitragen konnte zum
Leben einer Frau, die gerade 15 Jahre alt war, als er starb. Und ebenso
erstaunlich, wie
in dieser gegenseitigen Durchdringung von literarischen Artefakten und
gelebtem
Leben Erfahrungen erkennbar werden, die für die erste
bundesdeutsche
Nachkriegsgeneration typisch sind: Es scheint für diese
Aufbruchsgeneration
einen gemeinsamen Bestand von existentiellen Fragen und
kulturellen
Chiffren zu geben; die tiefen trennenden Gräben entstanden aus den
Haltungen,
die man zu diesen Fragen und Chiffren einnahm.
Hanna Schygulla feiert also nicht nur sich
selbst, sondern zeigt in dem sehr artifiziellen Medium der Brechtschen
Lyrik, wer sie war und geworden ist. Sie tut das mit großer
Präzision und pausenloser Spannung, dazu mit einer
außerordentlichen Diziplinierung ihrer darstellerischen
Mittel. Sie spielt nichts aus , deutet nur an, und gewinnt
daraus ihre Intensität; ihre Ironie trägt keine
unfreundlichen Züge; sie verwendet lieber Kürzel als ganze
Sätze und lächelt nur kurz, wo andere eine Pointe gesetzt und
auf
Lacher gewartet hätten. Zwischenapplaus hat sie nirgends
eingeplant, aber er lässt sich nicht ganz verhindern.
Und sie wählt ein hohes dramaturgisches
Risiko.
Die reflektierenden Zwischentexte, an denen sie ihre Brecht-Perlen
aufreiht,
sind selbst zuweilen verschlungen gereimt und knittelhaft rhythmisiert.
das
ist - einerseits - mutig: brecht in eine eigene lyrische Form
einzubinden. Das liefert - andererseits - krasse Kontraste und geht
natürlich schief. Aber vielleicht braucht der Abend diese
Fallhöhe und diesen enormen emotionalen
Mut, um so unwiderstehlich zu gelingen.
Frankfurter Rundschau,
09.05.2001
Gang mit Brecht
durchs
Leben
Hanna Schygullas großer Abend im Theater: Persönliches statt
Nummernfolge
von Günter Ott
Wie eine Schimäre huscht sie über die Bühne und
verschwindet
wieder. Und kehrt sogleich zurück - eine Wanderin. "Wandern
zwischen
zwei welten" hieß ein Chanson-Programm der Hanna Schygulla,
präsentiert
1996 bei den Berliner Festwochen. Am Donnerstagabend im Theater
Augsburg
nahm sie das Publikum mit auf einen neuen Weg. Es ging um ihre Welt und
um
unsere, die die Brechts und am Rande auch um die des Rainer Werner
Fassbinders.
Als dessen Effi Briest, Maria Braun, Lili Marleen schrieb die Schygulla
deutsche
Kinogeschichte.
Die Moritat von Mackie Messer samt dem berühmten Haifisch
klammerte
auf erfrischende Weise das gut eineinhalbstündige Programm, das
die
Besucherscharen mehr und mehr mitriss. Endlich einmal nicht die
ausgelatschte
Nummernfolge der Brecht-Hits, auch nicht die Schwergewichte der
Brechtschen
Maximen, die auf der Bühne gern goutiert, im Leben stets
negiert
werden. Stattdessen ein überraschend persönlicher Abend -
Wechsel
der Perspektiven zwischen Enthüllen und Vergeben, Wechsel der
Kleider
zwischen schulterfreiem Schwarz, blauem Zweiteiler und schwarzem
Ledermantel,
und alles ins rechte Licht gesetzt.
Hanna Schygulla nahm Brecht an die Hand. Mit ihm schritt sie durch ihr
Leben.
Was bedeutete er für sie ? Und was würde er hier und heute zu
dieser
Welt sagen ? Fragen und leise bohrende Zweifel - das wägt die
Schygulla
in ihrer Seele, das reicht sie ans Publikum weiter, nicht vom Gebrauch
abgeschliffene
Wortmünzen. Charme und Professionalität verbinden sich bei
der
Sängerin von Weill und Eisler, der Sprecherin von
Keuner-Geschichten
und (gereimten) Zwischentexten zu einem bezwingenden Ganzen. Welche
Nuancen
in der Stimme, welches Volumen (etwa bei "Surabaya-Johnny") und dann
wieder
welcher Hauch. Da läuft immer ein sympathisch-leiser Gedankenzug
mit.
Diese Schauspiel-Sängerin muss nicht auftrumpfen, sich
gefallsüchtig
an die Rampe werfen. Wie Brecht entfacht sie die Lust auf den kleinen
Wind,
der in Kopf und Herz fährt.
Der Wind könnte auch all die Fäden durcheinander bringen, an
denen
der Mensch hängt. Wer zieht diese Fäden ? Puppentheater,
Krücken,
Marionetten - Hanna Schygulla erinnert an ihren ersten Theaterauftritt,
an
ihre "Puppenzeit" unter Fassbinder, von dem sie sich, wie sie sagt,
gern
dirigieren ließ. Wollte der Regisseur etwas von einer Frau, legte
er
ihr die Hand auf die eine und den Kopf an die andere Schulter.
Fassbinder und die Seinen schrien nach Freiheit. Man ging ins
Grüne,
legte sich an die Isar. Und schon reimte sich München auf
Wünschen.
Die Schygulla im Baal-Gefühl: "Genuss und Schluss". Ihr
Liebingsgedicht,
vorgetragen im Abiturjahr: der "Choral vom Manne Baal"; er hat noch im
Tod
den Himmel über sich. Mit 19 geht Hanna nach Paris, die
Mahnungen
der Mutter vor den Verführern im Gepäck - leben, lieben,
la-la-la.
Und im Gegenzug die Kälte, die über die Erde fegt, die
Menschen,
die dem Menschen nicht Helfer sind. Im Glitzer-Mailand sieht die
Touristin
einen Mann im Karton. Die einen im Licht, viele im Dunkel ... Was tun,
damit
auf dieser welt nicht mehr zweierlei Menschen Leben ? Hinsehen ?
Wegsehen
? Wie befreit man sich zum Leben ? Schygullas Rezept: "Wo die Angst
entsteht,
da geht´s genau hinein."
Ein großer Auftritt, eine große Frau, in Paris und
München
zuhause (dort pflegt sie ihren über 90-jährigen Vater). Auf
der
Bühne erweist sich Jean-Marie Sénia am Piano als
Seelenverwandter,
souverän den musikalischen Spannungsbogen über einen Abend
führend,
an dessen Ende Hanna Schygulla als B.B. auf roten Hacken stöckelt:
Schiebermütze,
Ledermantel, Zigarre.
Langer, starker Beifall. Drei Zugaben.
Augsburger-Allgemeine - 02. November 2002